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     Kindheitserinnerungen und Zeitzeugenberichte:

 

                  a)  Rainer Freyer

                  b)  Die "Ald Schwaduddel"

                  c)  Verschiedene Zeitzeugen (diese Seite)

                  d)  Sechs französische Schulfreunde /

                  e)  Jean Kind - Osthafenviertel Sbr.    /

                   f)  Friedrich Fess: Kriegsende und Nachkriegszeit Altenkessel

                  g)  Walter Lorang - Saar-Abstimmung 1955 - Erinnerungen eines Sohnes

                  h)  Kurt Diedrich - Im Exil - Lohnt es sich wirklich, das Saarland zu verlassen?

                   i)  Ursula Meier geb. Weiand, früher Türkismühle: Kindheitsgeschichten

 

    Weitere Zeitzeugenberichte finden Sie unter Vati kehrt heim und Geschichten von der Grenze.

   

 

 

 

c) Erinnerungen verschiedener Zeitzeugen

 

1) Wolfgang M. Schoenes - Meine Kindheit in der Bahnhofstraße

2) Geert Flammersfeld - Ich war gerne ein "Saar-Franzose"

3) Ernst Ulrich Maas - Ein "Saar-Franzose" vom Häädschdogg

4) Heinz Bleß, Ottweiler - Marilyn Monroe und der Kollateralschaden

5) Anekdoten aus der Zeit kurz vor und nach der Volksbefragung 1955

 


1) Meine Kindheit in der Bahnhofstraße  
von Wolfgang M. Schoenes, Hamburg

 

Heute bin ich Facharzt für Orthopädie in Hamburg, nun Rentner, und wie es so in diesem Lebens- abschnitt häufig ist, erkunde ich nun nochmals retrospektiv meine Zeit in SB. Ich suche noch Fotoaufnahmen rund um das Haus Bahnhofstraße 98/Ecke Viktoria-Straße, denn dort bin ich zwischen 1946 und 1952/53 aufgewachsen. In dem Haus hatte mein Vater, Dr. Alois Schoenes, seine Zahnarztpraxis im 2. Stock, und nach hinten wohnten wir; parterre rechts war Bock & Seip, links im Haus Tapeten-Farben Braun im Erdgeschoss, im 1. Stock Friseur Östringer, und ganz oben in der Mansardenwohnung wohnte die Familie Beckinger mit zwei Mädchen - sie waren als Spielkameradinnen sehr geeignet. (Foto Fritz Mittelstaedt, Stadtarchiv Saarbrücken)

 

Der Hinterhof war unser Abenteuerspielplatz, mittendrin lag ein riesiger Trümmerhaufen eines Hauses, stinkend nach Urin usw. Da war auch noch der Parkplatz der Fa. Leder-Spielwaren Orth; man fuhr einen 11er-Citroën, edelst bechromt, mit Chauffeur. Bock & Seip hatte immer Unmengen von leeren Bücherkartons im Keller; sie dienten meinem Bruder und mir als "Panzer" (innen hinein und über Querrollen durch den Dreck des riesigen Hofes mit Staub und schwarzem Schotter); bei Farben-Braun in den dunklen und ebenfalls muffigen Keller rein und zwischen Terpentin- und Farben-Dosen gruseln, beim Fußballspielen hinfallen und eine saftige Platzwunde über dem rechten Knie bekommen, weiterspielen, mit dreckigem Taschentuch (kein Tempo) abbinden - die Narbe habe ich heute noch.

 

Hinten links ragte eine riesig hohe Häuserruine in den Himmel, vor deren leeren Fensterrahmen und Treppenabstürzen selbst wir uns fürchteten und uns nicht trauten, dort zu "spielen". Dann gings in die Viktoriastraße hinein; an Walter's Eck gab es bald einen ständigen Rostwurststand*) - mein Vater, wohlgemerkt als Zahnarzt, meinte oft, Wolfgang, der verdient mit seine "Würschd " mehr als ich... Spendiert hat unser Vater uns auch ganz selten eine Wurst - sei zu teuer...  

*) Anm. von Saar-Nostalgie: gemeint ist natürlich eine Rooschdworschdbuud (Foto: © Walter Barbian)

 

Sehr große, geradezu andere wohl nervende Lust war es, im Spiel- und Lederwaren Orth, rechts neben dem Haus und dem anschließenden PK, ständig aufzukreuzen, ohne "Penunzen", selbstredend, und alles zu visitieren; Rolltreppen rauf, Rolltreppen runter, im PK ganz hinten rechts zum Ausgang Passage - deshalb hieß es auch Passage Kaufhaus, früher Kaufhaus Wernk (Besitzer) - täglich an den Keks- und Pralinenverkauf rennen, um zu betteln: "…hannse e paar Krümmele?" war unsere Kinderfrage und wir bekamen unverkäufliche zerkrümmelte Kekse umsonst - wunderbar!!!

 

An Walter's Ecke/Viktoria Straße war Feinkost Losego mit Spielkamerad (ein Sohn des Inhabers) und links daneben die Drogerie Bähr, die konnten wir ebenfalls "durchstromern".

 

Einmal im Jahr war auch ein Aufzug der Sieger, gemeint ist das Französische Militär, mit Musik-Corps und Uniformen etc. von der Reichsstraße in die "Rue" (Bahnhofstraße) hineinmarschierend, öfter auch mit Kommentaren wie "aus dem Weg, sale boche!"...

 

Es galt auch noch, Garelly und Eisenwaren-Kautz (mein Onkel war dort Prokurist) zu durchstöbern: Sinn, Weinhold, F.C. Louis (Musikladen - meine 1. Guitarre!); Radio Krüsmann,

daneben ein Feinkostladen, wo im Winter ganze Rehe mit blutenden Nasen hingen, Schreibwaren-Rudolph...  (Foto: alte Postkarte)

 

Aber der heutige St. Johanner Markt war " no-go-area", des Suffs und des Rotlichtes wegen; vor dem Kummersteg war für mich der Straßenbahnen-Rangierbahnhof. Im UT-Kino durfte ich mit Mama die ersten Caterina-Valente-Filme sehen - und wenn es hoch kam, ein Eis am Stiel schlecken ...köstlich!

 

Im Winter bei ordentlich viel Schnee fuhren wir liegend "Achterbob", irre schnell vom Schwarzenberg hinab, lebensgefährlich unten in die Gleise der Line 7, die dort ihre Kreisanlage hatte, etc. etc...

 

An Faasenacht hat uns Vater immer ans Fenster im 2. Stock "gehängt" damit mir Klääne besser sehen konnten, und wir wurden von dem vorbeiziehende Karnevalspräsidenten jedesmal laut mit Alleh Hopp begrüßt - davon gibt es auch ein Bild in der Saar-Nostalgie, aber leider nur bis in die 1. Etage, leider auch unscharf - bei Foto Hartung; Bahnhofstr./Sulzbachstraße müsste doch was zu finden sein - dieser bekannte Fotograf hat viel in SB gemacht und ein Foto unserer Familie stand jahrelang in seinem Schaufenster.

 

Zu mir und meiner Familie:

 

Mein Vater war Zahnarzt, ein Onkel, Dr. Franz P. Schoenes, Chefarzt des Hl.-Geist-Krankenhauses, hat den sterbenden Ministerpräsidenten Reinert versucht zu retten (der hatte einen tödlichen Autounfall an der Ecke Bismarck-/Heinrich-Böckingstraße und wurde mit einem feierlichen Trauerzug durch St.Johann geehrt).

 

Ein weiterer Onkel hat die notariellen Verträge beim Bau von Karstadt zwischen der BRD und dem Saarland festgemacht, wurde später Justizrat im Saarland (Hermann Schoenes), ein weiterer Onkel (Prof. Dr. Edmond Schoenes) war Statiker in Saarbrücken - usw. Durch diese Verknüpfungen von Berufen im Saarland habe ich zu Hause natürlich vieles erfahren, was sonst nicht üblich ist.

 

Ich bin z.B. mit Thomas Bruch (Bruch-Brauerei) aufgewachsen, wir wohnten nach der Bahnhofstraße in der Gustav-Bruch-Str. 22, neben der Familie Bruch. Auch zu Autohaus Dechent bzw. dem damaligen jungen Inhaber hatten wir Kontakt, sowie zu Oskar Lafontaine.

 

 


2) Ich war gerne ein "Saar-Franzose"  von Geert Flammersfeld, Manhattan, New York

Habe vor einiger Zeit die Saar-Nostalgie entdeckt, Siesta machend an einem strahlenden Frühlingstag hier in Manhattan, zufällig fällt das Auge auf Vaters “Das Ziel war Europa” im Bücherregal. Ipad aufklappen, JoHo-Geschichte auffrischen. Voilà!!

Geboren 1938 auf dem Winterberg in St. Arnual, kurz danach und bis Kriegsende in Prag, ab 20.4.45 Internierungslager in Österreich, ca. Oktober ‘45 mit Mutter nach Saarbrücken entlassen. Vater gelang die Flucht aus CZ zwei Jahre später, bleibende gesundheitliche Schäden.

Die Bilder und Artikel von Saar-Nostalgie bringen eine Flut an Erinnerungen hervor:

(In Klammern haben wir Links zu den entsprechenden Fundstellen auf der Website hinzugefügt)

  • Maisbrot. (> Erinnerungen der Ald Schwaduddel)
  • Stangeneis holen mit dem Leiterwagen in der Talstraße.  
  • Schwimmschiff an der Schlageterbrücke. (> SV08)
  • Höckerlinie und Apfelbäume am Spicherer Berg.
  • Kutzekepp*) un Stichlinge am Deutschmühlenweiher.          *) Kutzekepp: Kaulquappen
  • Flugplatz St. Arnual mit dem Grandval’schen Flieger und Segelfliegerstarts an der Motorwinde. (> Flugverkehr)
  • PK-Kino mit französischen Krimis. (> Saarländische Kinos)
  • Schularbeiten mit AFN im Radio.
  • Schlittenfahren auf dem Rotenbühl. (> Erinnerungen Schulfreunde)
  • Tennisturniere mit internationalen Stars im Blau-Weiss. Ruderregatten dito im RCS.  
  • Unsere Peugeots und 11er und 15er Citroëns, Ford Vendôme, Cremeschnittchen, Dauphine.                                                                                                 (> PKW (französisch)
  • Schon ab 1950 lange Ferien an der Côte d’Azur: St. Aygulf, kleines Kaff, Koffer z.T. auf dem Dach des 11ers festgeschnallt, glühende Nächte in der Pension.
  • Häufige Besuche in Paris mit den Eltern, 4 Stunden mit dem Auto oder dem Michelin-Zug.
  • Devisenzuteilung war zu knapp für deutsche Ferien. Außerdem fand ich Deutschland in den späten 40ern und während der 50er immer ziemlich bedrückend. Land wie auch Leute, Ausnahme vielleicht Baden. Nicht dass Metz oder Lille das Land des Lächelns gewesen wären, aber insgesamt hatte ich (wie "mein" Saarbrücken) eine westgewandte, atlantische Perspektive. Der Osten war und ist mir fremd.
  • Französischer Reisepass überdruckt mit “Sarrois” (> Ausweise, Pässe)
  • Verruchte, unerschwingliche Karnevalsbälle im Stadttheater. “Allez hopp”! (> Fastnacht)
  • Verdammt gutes Stadttheater.
  • Die schülerphantasie-beflügelnde Tante Maja am Sangehanner Markt.

Endlos ...                                                                                        

Ich danke dem Schicksal, meinem Schöpfer, meinen Eltern für diese im Nachhinein gesehen ungewöhnlich unbeschwerten Saarbrücker Nachkriegszeiten. Hinter dem Zoll am Eichelscheider Hof sah das nicht so gut aus.

Ich wusste als Geschichtsbeflissener schon, um was es 1955 ging und war voll des pan-europäischen Eifers. Dass die Saarländer sich freiwillig die Nase aus dem Gesicht schneiden würden -- Rollentausch vom geachteten Wirtschaftspartner zum Empfänger bundesdeutscher Largesse -- ist mir immer noch unbegreiflich. Da wurden wir Provinzschafe von den deutschen (übriggebliebenen?) Propagandisten und Ideologen sauber über den nationalistischen Kamm geschoren. “Wollt ihr, dass eure Söhne in der französischen Armee dienen?” -- war ja nie die Rede davon!!  

Volksschule St. Arnual, Ludwigsgymnasium, Wiederholung Quarta und Vollgas bis Abitur in der Oberrealschule am Landwehrplatz, Dipl.-Ing. Aachen Masch.-Bau/Wärmekraftmaschinen. Habe mich von meinen Co-Semestern gern als Saarfranzose titulieren lassen. Ruhrgebietsbanausen. Danach MBA an INSEAD Business School in Fontainebleau mit Stipendium der französischen Regierung.

Und seitdem USA mit längeren berufsbedingten Ausritten nach Canada, Holland, Deutschland. Deutschland mit Arbeitserlaubnis! Da deutsche Staatsangehörigkeit schon vor Jahrzehnten aufgegeben. Wenn ich nicht mehr "autonomer" Saarländer sein konnte, dann eben gar nicht. Mit einem autonomen Saarland wäre Euch wohl auch ein Oskar L. erspart geblieben :o)  Immerhin ist er der einzige notfalls im Ausland bekannte (notorische) Sarrois. Ob’s das wert ist?

Als meine Mutter und ich im Herbst 1945 aus dem US-Internierungslager am Achensee nach Saarbrücken entlassen wurden, war die Stadt weitgehend in Trümmern; das kannte ich ja aus Prag überhaupt nicht, jedenfalls nicht in unserer Neighborhood. Aber unser (von Onkel Louis Pabst geerbtes) Haus war von den Franzosen mit einem Colonel aus dem Stab des Gouverneurs Gilbert Grandval belegt worden. So zogen wir erstmal zur Miete unters Dachjuchheh in die Puccinistrasse, direkt um die Ecke.

Mittlerweile nahm sich der Colonel ein kriegs-verwitwete Bekannte, Marlies Eimbcke, als Gefährtin und stellte sich als absoluter Gentleman heraus: Als mein Vater 1947 aus tschechischer Internierung zurückkam, zog er sich auf die obere Etage zurück, sodass wir das restliche Haus, auf seine Intervention bei Grandval hin, zurückbekamen. In der Folgezeit präsentierte er regelmäßig Köstlichkeiten wie frischen Fisch (turbot ist mir in guter Erinnerung), herrlichen Käse, und Körbe voller Austern, ohne dass er sich nach meiner Erinnerung dazu einlud.

Ansonsten ging meine unerschrockene Mutter mit dem umtriebigen Onkel Walter auf Hamsterfahrt über die Doerfer, wir hatten zwar Lebensmittelmarken, aber es ging uns wesentlich besser als denen "drüben" in der Westzone, vom Osten ganz zu schweigen. Und wie gesagt : Austern satt.

Kartoffeln übrigens daher, dass wir einen Acker geerbt hatten, genau auf der anderen Seite der Grenze in Spichern (wir wissen: die Schlacht am Spicherer Berg 1870), und dass wir die Pacht in Kartoffeln und Zuckerrüben gezahlt bekamen; das waren ehrbare Bauern, man stelle sich das mal heute vor!! Zuckerrüben wurden in Familienaktion mit den Rugges im Keller gewaschen, geschält und gewürfelt und in dem alten kupfernen Wäsche-Waschkessel zu Sirup (saarländisch "Harz") eingekocht. Zucker war ja lange Mangelware.

Allez hopp -
Geert Flammersfeld

(Geerts saarländischen Jagd- und einen Waffenschein von 1954/55 können Sie auf unserer Seite Ausweise unter Nr. 6) sehen. Sein Motorrad, das er eine Zeitlang mit SAAR-Aufkleber in Manhattan fuhr, finden Sie auf der Seite Echo.)

 

 

3) Ein "Saar-Franzose" vom Häädschdogg  (Ernst Ulrich Maas, Chiliwack, Canada)

 

Obwohl ich meine geliebte Heimat vor vielen Jahren verlassen habe, fühle ich mich ihr noch immer sehr verbunden. Ich wurde am 4.11.1947 auf dem Heidstock (Völklingen) geboren, und zwar in der Küche, da es der einzige warme Raum war. Mein späterer Entschluss, Völklingen zu verlassen, war rein beruflich.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als der Wahlkampf stattfand. Mir gefielen die roten Aufkleber mit dem Adler der DPS so gut, dass ich welche hier und da an Pfosten und Türen klebte. Bis mich unser Nachbar, Herr Kreis, erwischte und mir Prügel kostenlos anbot. Er, er war Anhänger der DSP. Nach 1935 durfte er der NSDAP nicht beitreten, da er ein Sozialist war. Nach dem Krieg war er ein so genanntes Opfer der Nazis. Na ja, das waren halt noch Zeiten.

Mein Vater hatte zuerst ein
Cremeschnittchen und mein Onkel hatte einen DS 19. Das Creme- schnittchen war ein schlechtes Auto. Wir sind oft in die Ardennen und ins Elsass zur Verwandtschaft gefahren, und das kleine Auto hat an Hügeln und Bergen sehr geschnauft. Der DS 19 war großartig.

Meine Mutter lebt in Prien und ich habe ihr das Gedicht von Vaters Heimkehr
["De Babbe kummt hemm", siehe auf der Seite Vati kommt heim, etwa in der Mitte] geschickt und auch ein Bild vom Cremeschnittchen. Wir sind halt richtige Saar-Franzosen. Verwandtschaft in Lothringen, Elsass und Ardennen. Ich war im französischen Kindergarten und habe die erste Klasse auch dort angefangen. Aber mein Vater hat befürchtet, dass ich nicht Deutsch lesen und schreiben lernte. Die französische Schule (an der Stadionstraße) war großartig, und die Lehrerin war sehr nett zu uns allen. Meine Mutter erzählte mir später, ich sei nur deshalb angenommen worden, weil mein Onkel eine gute Stelle auf der Hütte hatte (Beziehungen halfen auch damals schon!). In der deutschen Schule war es sehr streng. Das Fräulein Farina hat uns alle laufend verprügelt.

Der Heidstock war damals noch ein ganz kleiner Ort. Unsere Straßen waren noch nicht einmal geteert. Großartige Zeit! Wir wohnten ja damals noch "hinter dem Berg" sozusagen. Nach dem Anschluss hat sich alles schlagartig geändert. 

Wir haben alle im selben Haus gelebt, Franzosen und Saarländer. Die Franzosen sind 1958 nach Sedan umgezogen und jedes Wochenende haben wir einander besucht. Es waren 180 km, aber wir fuhren von Völkingen nach Luxemburg, über Arlon und dann bei Carignan nach Frankreich. Damals musste man noch jedes Mal an den Grenzen halten. Besonders im Winter was das nicht schön, und manch ein Zöllner hat uns dann schikaniert. Alle Mann raus und unter die Sitze geschaut usw. Mein Vater war oft wütend, und meine Mutter stand immer direkt neben ihm, um ihn zu beruhigen. Da er Französisch sprach, hatten wir nie Probleme mit den Franzosen. Mit den Deutschen hatte man hin und wieder auch Schwierigkeiten, besonders mit denen, die vom "Reich" waren. Grüne Karten, triptique und Gott weiß was man noch so brauchte. Wir waren wirklich richtige Saarfranzosen. Mich konnte niemand damit beleidigen.

Ich war von klein auf am Fliegen interessiert, und wir hatten auch Piloten in der Familie. Ein Freund meines Vaters hatte eine Stampe (Doppeldecker) in Ensheim oder auf der Saarwiese und ich bin etliche Male mit ihm geflogen. Hin und wieder ist er nach Völklingen geflogen und hat Kunstflug gemacht. Zwei meiner Onkels waren bei Swissair. Onkel Hans ist in der Swissair Coronado ums Leben gekommen, die 1970 durch Yassir Arafats Bande über Zürich explodierte. Ich habe Völklingen nur ungern verlassen, aber meine Flugkarriere führte mich nach Südost-Asien, Abu Dhabi, USA und Canada. Hier habe ich mich dann niedergelassen und habe meine eigene Firma. Ich bin noch immer Sportflieger, und mein Hobby sind Jagdflugzeuge des 2. Weltkrieges. Leider bin ich zu groß für eine Me-109, aber ich passe gut in die amerikanischen Maschinen.


Vor Jahren hatte ich eine Harvard (Militär-Schulflugzeug). Auf der Motorhaube war das Wort "Fissemadenzja" angeschrieben. Nur Saarländer wussten natürlich, was das heißt. So war es dazu gekommen: Meine Mutter sagte einmal zu mir nach einer Flugvorstellung: "Was muschde awwer aach immer so Fissemaddenzjer mache! Äänes Daachs duschde der noch weh!

 

 

 

4) Marilyn Monroe und der Kollateralschaden  (von Heinz Bleß, Ottweiler)

 

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre war ich Lehrling beim Neunkircher Eisenwerk. Im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr waren ich und zwei weitere Lehrlinge mit Arbeiten in der Gasgeneratorenhalle befasst. Diese grenzte unmittelbar an die "Saarbrücker Straße" in Neunkirchen. In eben dieser Straße befand sich in ca. 100 Meter Entfernung eine Nähschule, die junge Mädchen ausbildete. Bei Schulschluss versuchten wir immer wenigstens einen Blick auf die vorbeiziehenden Schönen zu werfen. Eines Tages waren wir im Keller besagter Halle und stellten fest, daß sich zur Straße hin große fensterlose Öffnungen befanden, die in den Bürgersteig hineinragten und mit Gitterrosten, ca. 1 x 2 m, abgedeckt waren. Das berühmte Bild von Marilyn Monroe mit hochfliegendem weißem Kleid vor Augen, kam die Idee auf, den richtigen Moment abzupassen. Wenn unser großer Schwarm, blond, Figur wie das Original, im weißen Kleid über diesen Rost schritt, dann sollte unsere große Stunde schlagen. Mit einem Schlauch, der an die vorhandene Pressluftverteilung angeschlossen wurde, wollten wir die Röcke zum Fliegen bringen.

 

Mann 1 auf Vorposten, Mann 2 unterm Gitterrost, Mann 3 am Presslufthahn. Vorposten ruft: "Se komme". Mann 2 wartet, bis die ersten Füße den Gitterrost betreten, und ruft: "Luft marsch!". Mann 3 dreht den Hahn auf.

 

Was dann folgte, ist nur als eine Verkettung unglücklicher Umstände zu bezeichnen: Alles versank in einer riesigen schwarzen Staubwolke. Mir ware kohlraweschwarz, hann nix meh aus de Aue gesiehn. Die Mäde hann gegrisch wie am Spieß. Wie die unedrunner ausgesiehn hann, konnde ma nur spekuliere. Also Pressluft zu, un nix wie ab. Am nägschde Wasserhahn die Aue ausgewäscht. Niemand e Wort verzehlt - bis heit...

 

Heinz Bleß würde sich freuen, wenn auf diesem Weg ein Kontakt zu der damals staubigen Nr 1 und 3 (siehe oben!) zustande kommen würde. (Bitte melden Sie sich: > Kontakt.)

 

 

 

5) Anekdoten aus der Zeit kurz vor und nach der Volksbefragung 1955

 

a) In der heißen Abstimmungsphase

von Wolfgang Rekrut, damals Altenkessel, 6 Jahre alt

 

Eine kleine Anekdote, die meine Mutter mir später erzählt hat:

 

Wir hatten kurz vor der Abstimmung Besuch von einem Onkel aus Wilhelmshaven. Er ging mit mir spazieren. Ein paar Häuser weiter stand ein Nachbar am Gartentor. Onkel Willi grüßte ihn freundlich, er dankte zurück. Ein Stück weit weg sagte ich zu ihm: "Onkel Willi, dem musst du nicht Guten Tag sagen, das ist ein Jasager!" 

 

 

b) Zwischen der politischen (1.1.1957) und der wirtschaftlichen Rückgliederung (6.7.1959)

von Friedrich Fess, Wiesbaden, aufgewachsen in Altenkessel.

 

Merkwürdig an der Übergangszeit nach der politischen Rückkehr des Saarlandes in den deutschen Staatsverband war, dass wir Saarländer schon deutsche Staatsangehörige waren und deutsche Pässe besaßen, unsere alltäglichen Geschäfte aber noch in Francs abwickeln mußten. Teilweise musste für deutsche Waren auch noch Einfuhrzoll bezahlt werden.

In diesem Zusammenhang hatten meine Eltern und ich im Sommer 1958 bei einer Ausfahrt und der Überquerung der deutsch-französischen Grenze zwischen Straßburg und Kehl ein unangenehmes Erlebnis. Wir besaßen einen Citroën Traction, der aber bereits mit dem neuen deutschen Kennzeichen für Saarbrücken "SB" zugelassen war.


Der deutsche Zöllner hielt unser Fahrzeug an, und wir mussten aussteigen, weil er den Innenraum des Fahrzeuges kontrollieren wollte. Nach dieser für uns schon schikanösen Behandlung musste ich noch den Kofferraum zu einer Kontrolle öffnen. Mein Vater fragte den Zöllner, was dies denn solle, wir seien doch deutsche Staatsbürger. Der Zöllner antwortete doch tatsächlich: "Sie sind Saarländer, aber keine Deutschen!"


Meinem Vater stieg die Zornesröte ins Gesicht und ich konnte ihn gerade noch zurückhalten, sonst hätte er dem Zöllner wohl eine geknallt. Ich bemerkte dann: "Papa, lass doch den Zöllner mit seinem dummen Geschwätz!" Darauf reagierte der Zöllner mit dem Hinweis auf eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung. Ich habe ihm zu verstehen gegeben, daß wir dann gegen ihn Anzeige wegen Beleidigung stellen und auch seine Behörde mit einer Aufsichtsbeschwerde verständigen würden.

Wir haben von der Angelegenheit nichts mehr gehört. Der Zöllner war wohl so ein Typ, der uns Saarländer für "Rucksackdeutsche" oder "Saarfranzosen" hielt.

Lockerer ging es bei einer anderen Ausfahrt zu. Die Familie war mit demselben Auto auf dem Weg nach Trier. Kurz vor der Grenze bei dem saarländischen Örtchen Faha riss der Bowdenzug der Gangschaltung. Ohne großen Aufwand erschienen nach einem Telefonanruf zwei Mitarbeiter einer lothringischen Citroën-Werkstatt. Sie und wir wurden weder vom deutschen noch vom französischen Zoll auf dem Weg nach Diedenhofen in Frankreich kontrolliert. Sie brachten uns mit einem Fahrzeug der Firma nach Mettlach. Papa und ich besorgten am nächsten Tag ein in Saarbrücken vorrätiges Ersatzstück und brachten dies zu der Werkstatt in Diedenhofen. Auch hier keine Kontrolle bei Ein- und Ausreise.

 

 

c) In den 60er Jahren in der Pfalz

von Hans Braun, Bad Tölz

 

Ich besuchte damals als Fahrschüler das Gymnasium in Dahn/Pfalz. Wir hatten auch zahlreiche Schüler aus dem Saarland, die dort in einem Internat wohnten. Einige Mitschüler nannten sie manchmal "Halbfranzosen". Ich erinnere mich auch an einen Lateinlehrer, der sich gerne folgenden Spaß erlaubte: Er zog einen unserer saarländischen Mitschüler an den Ohren, wenn dieser die Frage nach seinem Heimatort mit "Saarlouis" beantwortete, anstatt - wie von dem Lehrer gewünscht - "Saarlautern" zu sagen. Bei dem leichten Schmerz sollte der Junge "au" sagen, damit dann "Saarl-au-tern" herauskam.

 

 

 

 


 

Diese Seite soll fortgesetzt werden. Wenn Sie auch etwas aus der Zeit von 1945 bis 1959 zu erzählen haben, melden Sie sich bitte (Seite >Kontakt). Erzählen Sie einfach drauf los (am besten schriftlich), wenn Sie möchten, helfen wir gerne beim Formulieren!).

 


Diese Seite wurde begonnen am 27.10.2010, zuletzt bearbeitet am 9.3.2017 

 

 

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