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2 d) Die Radio-Familie Fritz und Gerdi Weissenbach

 

(von Rainer Freyer, mit einem Essay von Gerhard Bungert: "Mahlzeit")

 


   

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Weitere Seiten im Rundfunk-Kapitel:  Rundfunkgeschichte - Radio Saarbrücken - Radio-Erinnerungen - Reporter & Ü-Wagen -  - Saarlandbrille - Wartburg - MW-Sender Heusweiler - TELESAAR - Europe No 1 - Radio-Geräte

 

 


 

 

Allerhand für Stadt und Land war eine der meist gehörten Sendungen von Radio Saarbrücken. Sie lief insgesamt rund 7.000 Mal und wurde von einem Sprecher-Paar gestaltet, das fast jeder im Saarland und darüber hinaus kannte: Gerdi (1922-87) und Fritz Weissenbach (1907-78). Fritz war schon beim Reichssender Saarbrücken regelmäßig aufgetreten (alleine oder zusammen mit anderen, z.B. mit Viktor Lenz in "Sperlings Bunte Bühne").

 

Als er 1946 aus der Gefangenschaft zurückkam, begann er sogleich wieder als Unterhaltungskünstler durch die saarländischen Dörfer und Städte zu ziehen. Auch beim Radio stieg er sehr früh wieder ein, z.B. als einer der drei Sprecher der "Saarlandbrille". Bald lernte er seine spätere Frau Gerdi kennen. Er überredete sie, ihren bisherigen Beruf aufzugeben und als Sprecherin und seine Partnerin im Radio zu arbeiten. Sie trat zunächst unter ihrem Künstlernamen Gerdi Palmer auf, bis die beiden am 19. Dezember 1950 heirateten. Sie wirkten auch, gemeinsam oder einzeln, in zahlreichen Hörspielen der Mundartbühne und anderen Dialekt-Produktionen des Saar-Radios mit.

 

Dr.Franz-Josef Reichert, ex-SR-Programmdirektor Hörfunk, schrieb über Fritz Weissenbach:

 

"Er und seine Frau Gerdi Weissenbach gehörten zu den Gestalten, die die Treppen, Flure und Studios der legendären Wartburg erfüllten. (...) Dort bin ich den beiden oft begegnet. Damals wurde sehr vieles, wenn nicht alles, direkt oder live gesendet. Man arbeitete für den Augenblick. Was über den Sender ging, war einfach weg, aber lebendig. Für den Augenblick, nicht für die Ewigkeit." [1]

 

Die wohl meist gehörte Sendung der Weissenbachs war "Allerhand für Stadt und Land", eine Produktion der Radioreklame (später Werbefunk Saar). Sie startete 1949 und war über fast drei Jahrzehnte nicht aus dem saarländischen Radio hinwegzudenken: zuerst bei Radio Saarbücken, dann im ersten Programm des SR (ab 1964 hieß es "Europawelle"), und später auf SR 3 Saarlandwelle. Sie wurde insgesamt über 7000 Mal ausgestrahlt, immer werktags zwischen 11 und 12 Uhr. Die letzte Sendung lief am 2. April 1976.

 

In den ersten Jahren gehörte zum Team der Sendung noch Maria Ruhmann); sie spielte die Mutter vom "Luwisje" (Gerdi); Fritz war der "Opa Weissenbach". Später traten Gerdi und Fritz in der Sendung als das auf, was sie wirklich waren, nämlich als die "Familie Weissenbach".

 

Das Bild zeigt die Akteure der Sendung in der Anfangszeit: Fritz, Gerdi und Maria Ruhmann (Letztere wirkte wie Fritz auch bei der Saarlandbrille mit). (Foto: SR)

 

In den täglichen Sendungen gaben sie viele gute Tipps für die Hausfrau, stellten Koch- und Backrezepte vor, berichteten über Neuheiten oder nette Ereignisse aus dem Leben der Saarländer, erzählten kleine Witzchen und trugen Gedichte, Sketche oder sonstige Texte vor. Dabei spielten (erfundene?) Figuren wie die Frau Fissähl oder eine Frau Triller die Hauptrollen. Dazwischen gab es neben der (meist volkstümlichen) Musik vorproduzierte Werbespots, und Fritz und Gerdi sprachen - live während ihrer übrigen Moderation - Werbetexte für heimische Geschäfte und Produkte: "Walter - für die Dame, für den Herrn, für das Kind"; "Valan,die Waschmaschine in der Tüte" oder "Landsieg, mir wisse, was gudd is", usw. Oder sie warben für die "feine Stöffcher", die es bei Robert Kunz in Saarbrücken, Anton Stier in St. Wendel oder im Kaufhaus Ostrolenk in Völklingen zu kaufen gab (damals haben ja die meisten Frauen ihre Kleider noch selbst genäht oder von ihrer Hausschneiderin nähen lassen). Die Beiträge für die Sendung wurden fast immer live gesendet, nur sehr selten hat man sie vorproduziert.

 

"Maaahlzeit" (Klicken zum Anhören!) Die Sendungen endeten stets (meist um kurz vor 12) mit dem legendären, von den beiden im Duett gesprochenen "Mahlzeit", mit dem auch die Saarlandbrille immer beendet wurde (dieses "Mahlzeit" können Sie hier auf der Spezialseite über die Saarlandbrille hören.)

 

Die Weissenbachs haben die meisten ihrer Texte nicht selbst verfasst. Die wichtigsten Autoren für ihre Sendung waren anfangs Leo Griebler (der auch zahlreiche Texte für die Saarlandbrille schrieb) und Erich Hewer; später auch Gerhard Bungert (siehe auch sein Essay "Mahlzeit" weiter unten!) und Prof. Dr. Klaus-Michael Mallmann. Ihr wichtigste Redakteur war Emil Schäfer.

 

Dr. Franz-Josef Reichert, SR-Programmdirektor Hörfunk i.R. schrieb über die Sendung Allerhand für Stadt und Land:

 

 

"In dieser Sendereihe, die eine fast unerreichte Laufzeit hatte, konnten sich Fritz und Gerdi Weissenbach werktäglich regelrecht austoben, konnten saarländische Indentität schaffen, konnten froh sein, ohne schadenfroh zu werden, lustig sein, ohne sich über einen anderen lustig zu machen, konnten Dinge erklären, die Dir und Mir jederzeit begegnen können, konnten dem Alltag seine heiteren Seiten abgewin- nen, konnten Hochdeutsch mit Streifen sprechen, so wie Du und Ich. Neben einem weiteren Original, dem legendären Ferdi Welter, haben die Weissenbachs vielleicht am besten saarländisches Lebensgefühl in Dur und Moll reproduziert und über Mikrophon und Lautsprecher in die Herzen der Saarländer gebabbelt." [2]


Peter Hell [3] erzählte in seinen Radio-Erinnerungen (veröffentlicht in "Radio-Kurier - weltweit Hören", 8/2007):

 

"An einen Witz der Weissenbachs kann ich mich noch gut erinnern. Sagte doch Gerdi zu ihrem Mann - heute habe ich aber ein Auto mit einem komischen Kennzeichen gesehen: da stand neben dem Nummerschild groß "GB", was kann das wohl bedeuten? Das ist doch ganz einfach, antwortete Fritz; das war ein Fahrzeug von der "GriminalBolizei", die haben eigene Kennzeichen!"

 

____________________________

 

Fußnoten:

[1] Auszug aus dem Begleitheft zur CD "Maaahlzeit, Erinnerungen an Fritz und Gerdi Weissenbach", Saarländischer Rundfunk, 1997

[2] Auszug aus ebd.

[3] Peter Hell, Illingen, † 2007, war der Vorsitzende des SWLCS (Kurzwellenhörerclub Saar).

 

 

 Ausschnitte aus einer Originalsendung "Allerhand für Stadt und Land" (Dauer ca. 8 min.)

          (Zum Anhören bitte hier links auf das Lautsprechersymbol klicken - das Herunterladen kann einige Sekunden in Anspruch nehmen.)

 

Hier hören Sie Ausschnitte aus der Sendung vom 23. Mai 1975 auf der Europawelle Saar. Sprecher: Fritz und Gerdi Weissenbach. Autor: Fritz Schneider. Musik: "Gruß vom Halberg", Erwin Schmidt und die Halberger Musikanten. Komponist: Willy Ullrich. Die Aufnahme ist der CD "Maaahlzeit - Erinnerungen an Fritz und Gerdi Weissenbach" entnommen. Sie wurde herausgegeben von der Programmdirektion Hörfunk des Saarländischen Rundfunks mit freundlicher Unterstützung der Werbefunk Saar GmbH, 1997.

 

(Hinweis: Der Verantwortliche dieser Website ist im Besitz einer bezahlten Lizenz für die Wiedergabe von GEMA-geschützten Tonaufnahmen auf www.saar-nostalgie.de.)

 


 

 

Bilder zu "ALLERHAND FÜR STADT UND LAND"

    Fritz und Gerdi

 

    Weissenbach

 

   (geborene Gerda Merdes,    Künstlername

   Gerdi Palmer)

 

    in ihrer werktäglichen     Radiosendung.

 

 

Gerdi und Fritz waren schon in den 50er Jahren sehr nahe an ihren Hörern, und sie erhielten täglich große Mengen von Post, meistens Postkarten. Die Hörer fragten z.B. nach Koch- oder Back-Rezepten, die die Weissenbachs im Radio vorgestellt hatten.

 

Manchmal erfüllten sie auch den einen oder anderen Musikwunsch ihrer Hörer. Aber sie hätten es sich sicher nicht träumen lassen, dass dies "Nachwirkungen" bis ins Jahr 2011 hinein haben könnte.

 

Lesen Sie dazu folgende kleine Geschichte

 

Sonntag, 30. Januar 2011: Im Wunschkonzert von SR3 Saarlandwelle wird ein Titel von Rudi Schuricke angesagt, den sich ein Hörer aus Berus gewünscht hat. Dieser schrieb, er habe kürzlich eine Postkarte von seiner Mutter entdeckt, die sich damit 1957 diesen Titel bei der Familie Weissenbach gewünscht hätte. 1957 ??? - darüber wollte ich natürlich mehr erfahren. Also, über die Homepage von SR 3 eine "Mail ins Studio" an den Moderator Sebastian Kolb geschickt mit der Frage nach dem Namen des Hörers; denn auf diesen hatte ich bei der Ansage nicht geachtet. Keine zehn Minuten später kam die Antwort: "Sehr geehrter Herr Freyer, der Hörer heißt Bernd Winter. Schöne Grüße vom Halberg, Sebastian Kolb, Musikredaktion." Die Mailadresse war dabei.

 

Ich schrieb sofort eine E-Mail an Bernd Winter und fragte ihn, ob er mir für Saar-Nostalgie nähere Einzelheiten über die Postkarte seiner Mutter erzählen könne. Hier ein Auszug aus seiner Antwort:

 

"Guten Tag Herr Freyer, was ein Zufall alles lostreten kann: Ein Mitglied unserer Marinekameradschaft hat (...) bei einer Dame, die für die Bewertung von SAAR - (Brief)marken zuständig ist, eine Postkarte entdeckt, die meine Mutter 1957 an die Familie Weißen- bach (SR) geschickt hatte. Er hat sich eine Kopie machen lassen (die Originale sind nicht zu haben) und mir diese überlassen. Das Weitere kennen Sie. Ich sende Ihnen die Postkarte zu. (...) Der Liederwunsch meiner Mutter galt meinem Vater, der während des Krieges bei der U-Boot-Waffe im Mittelmeer stationiert war. Meine beiden Brüder, mein Schwager und ich waren ebenfalls bei der Marine. Da konnte schon etwas Nostalgie aufkommen. - Ich hatte mich per Mail erkundigt, ob der SR diese Platte hat. Statt einer Antwort haben sie sie dann am Sonntag gespielt. Ich kenne dieses Lied nicht, und ich kann mich auch nicht erinnern, ob es 1957 gespielt wurde. Mit freundlichen Grüßen, Bernd Winter" 

 

Die Tatsache, dass die Postkarte damals trotz der recht spärlichen Adressenangabe (keine Straße, Hausnummer, Name der Institution) problemlos direkt beim Radio gelandet war, belegt den damaligen Bekanntheitsgrad der Weissenbachs. Der Titel des damals und heute gewünschten Liedes von Rudi Schuricke lautete "Schenk mir deine Liebe, Signorina"; es begann mit den Worten "Als ich einst vor Anker lag im blauen Mittelmeer ...." und erzählt von einer Liebesgeschichte, die sich in Taormina abspielte. Durch die Weissenbachs und den Sohn der Hörerin von damals wurde daraus nun, 54 Jahre später, eine Saar-Nostalgie-Geschichte...

 


 

Kommentar unserer Ald Schwaduddel zu den Weissenbachs:

 

"Die Stimmen der beiden Weissenbachs waren so markant und gehörten so zu unserem Leben wie heute ...? Ja, wer denn, gibt es heute noch etwas Vergleichbares? Häberle und Pfleiderer für die Schwaben, die Hesselbachs für die Hessen und dann die Weissenbachs für unsere Region, das hatte was! Am Gescheitesten waren ja die Hesselbach-Geschichten, dann kamen Häberle und Pfleiderer und dann die Weissenbachs. Arg bieder waren sie ja schon, und ihre Witzchen recht dünn - aber ihre Stimmen und ihre Art rissen alles wieder heraus."

 

 

Fritz starb mit 71 Jahren am 12. August 1978. Gerdi arbeitete weiter als Sprecherin in Hörspielen und Mundartproduktionen beim SR. Sie starb am 15. Januar 1987.

 

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Quellen zu dieser Seite: Eigene Erinnerungen des Autors und ein Text von Frank Rainer Huck in dem weiter oben in Fußnote [1] genannten CD-Begleitheft.

 

Fotos: Saarländischer Rundfunk bzw. Landesarchiv Saarbrücken, Sammlung Fritz Weißenbach.

 

 

Anmerkung zur Rechtschreibung: Der Familienname Weissenbach wurde meistens mit ss geschrieben (siehe die Unterschrift "Fritz Weissenbach" auf dem Ausschnitt einer Autogrammkarte; Gerdi hat dort allerdings mit scharfem s unterschrieben). - Frau Weissenbachs Vorname wurde wohl usprünglich mit t geschrieben (Gerti), aber später unterschrieb sie selbst mit d (Gerdi; siehe ihre Unterschrift auf der Karte). Daher sind wohl beide Schreibweisen berechtigt. Gerhard Bungert schreibt in seinem folgenden Essay "Gerti", während wir ansonsten auf dieser Seite "Gerdi" schreiben.


 

 

MAHLZEIT  

 

Erinnerungen an Fritz und Gerti Weissenbach von Gerhard Bungert

 

 

Mit MAHLZEIT endeten die Sendungen mit Fritz und Gerti Weissenbach. Man spürte schon vorher: Jetzt muss es kommen. Meistens gingen ein paar Zeilen Gereimtes voran, nach dem Muster:

 

Fritz:

 

Gerti:

 

Fritz:

Gerti: 

Fritz:

Beide:

Manch ähner, das is gewiss,

verreißt sich heitsedaachs die Schniss

unn rätscht unn schellt die ganze Zeit

am liebschde iwwer Nachbarsleit.

Doch eischne Feehler sinn tabu

fier so e Ochs

unn fier e Kuh.

Mahlzeit!

Es war wie die Schlussszene in einem alten Liebesfilm. Da ahnte man auch immer das Ende. Die Kamera zoomte auf die Lippen, die Musik wurde lauter, und auf der Leinwand erschien das Wort „Ende“. Bei Fritz und Gerti Weissenbach ging es allerdings nicht um Liebesschwüre und Heiratsabsichten, sondern um Alltägliches, Typisches und Witziges.

 

Mit dem saarländischen Mittagsgruß MAHLZEIT fanden die Dialoge ihr sprachliches Finale. Gegen 12 Uhr hallte MAHLZEIT durch die Flure der Büros, die zur Kantine führten. Gleichzeitig klang MAHLZEIT aus dem Radio in Küchen und Werkstätten - von Perl bis Peppenkum, vom Warndt bis nach Wadern. Aber auch darüber hinaus: in den Hochwald und in die Westpfalz, nach Luxemburg und Lothringen.

 

Vor dem Wort MAHLZEIT standen aber auch immer unausgesprochen die beiden Wörter „Na dann“. Das war gewollt. Der kulinarische Mittagsgruß bekam so seine zweite Bedeutung: ein sprachliches Abwinken.

 

Die Weissenbachs waren, wie ihr Kollege Ferdi Welter, überzeugte Sozialdemokraten. Gerti Weissenbach unterstützte zum Beispiel in einer Wählerinitiative den späteren Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine. Die beruflichen Anfänge der Weissenbachs führen aber zurück in die Saarland-Kultsendungen der Nationalsozialisten. Die waren vordergründig unpolitisch. Auch mit Mundart und volkstümlichem Humor versuchten die Nazis, die „Saarfranzosen“ für Volk und Vaterland, letztlich für Krieg und Völkermord zu gewinnen. Der Mundart-Slogan der Nazis, das „Nix wie hemm“ der Saarabstimmung 1935, hatte eindeutig in die falsche Richtung gewiesen.

 

 

Bis dass der Tod uns scheidet

 

Populär wurden die Weissenbachs in der Vorfernsehzeit. Man hörte Radio Saarbrücken. Die andern Programme rauschten, und der Hal(l)berg machte noch nicht so viele Wellen. Die Zuhörer mussten und konnten sich selbst ihr Bild machen. Ihre Phantasie war gefragt. Sie konnten noch zuhören, und das machten sie gerne, zumal die Weissenbachs sich ihrer eigenen Sprache bedienten.

 

Im teilautonomen Saarstaat standen die Mundartsendungen allerdings in einem anderen Kontext als im Dritten Reich. Die saarländische Mundart war fast so etwas wie die zweite Nationalsprache, ähnlich dem Sächsischen in der ehemaligen DDR. Saarländisch erzeugte auch politisches Selbstbewusstsein in einer von Fremdbestimmung geprägten Geschichte. „Mir wisse, was gudd is“ war mehr als ein Werbeslogan für Fauser-Margarine. Der Satz konkretisierte sich in der Feststellung: „Mir schwätze, wie uns de Schnawwel gewachs is“. Die Präsenz der Mundart im Rundfunkprogramm lieferte die Unterstützung von oben.

 

Abschaffen der Weissenbachs nach demTag X? - Unmöglich! - Eher hätte man die Saarschleife begradigen können. Selbst der Umbau des Programms in den sechziger Jahren - nach dem Muster von Radio Luxemburg - konnte den Weissenbachs nichts anhaben. Auf die Frage, wie lange noch die Weissenbachs mit dem Saarländischen Rundfunk verbunden bleiben, antwortete mir Fritz Weissenbach noch 1977 mit der Hochzeitsfloskel: „Bis dass der Tod uns scheidet.“ Er sollte Recht behalten. 

 

 

Die ersten Erinnerungen

 

Mitte der fünfziger Jahre - ich war noch nicht in der Schule – da habe ich die Weissenbachs zum ersten Mal bewusst wahrgenommen. Wo fünf Jahre später der Fernseher stand, da thronte noch das Radio - in etwa gleicher Größe. Da stellte man auch schon mal Stühle davor, um sich in aller Ruhe Sendungen anzuhören.

 

Meistens waren die Beiträge in Hochdeutsch, aber es gab auch Mundartsendungen. Ernst waren sie selten. Kuriose Mitmenschen und typische Situationen wurden aufs Korn genommen. Die Mundartsprecher hielten uns den Spiegel vor.

 

In der ersten Sendung der Weissenbachs, die ich bewusst hörte, ging es wirklich um eine Mahlzeit, konkret: um Linsensuppe.

 

Gerti sagte: „Das Leben ist am schwersten, drei Tage vor dem Ersten.“ Dann begann ein volkstümlich-philosophischer Disput über das liebe Geld. Er mündete in dem Vorschlag von Fritz: „Ei wenn es Geld net ausreicht, dann kommt äwe mol kenn "Werschdsche in die Linsesupp."

 

Diese Aussage verstand ich nicht. Der Grund war einfach. Bei uns kam niemals ein Würstchen in die Linsensuppe. Die wurde mit ausgelassenem Speck „geschmelzt“. Haarscharf analysierte ich damals: Wir sind arme Leute.

 

Das Foto zeigt Fritz Weissenbach (3. von rechts) in einer Fernsehproduktion von TELESAAR: Foto: Landesarchiv Saarbrücken, Weissenbach 154.

 

 

Lehrjahre bei den Weissenbachs

 

21 Jahre später saß ich im Hörfunkgebäude des Saarländischen Rundfunks vor dem Schreibtisch des Unterhaltungsredakteurs Emil Schäfer. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, regelmäßig Beiträge für Fritz und Gerti Weissenbach zu schreiben. Zweimal die Woche, für den Dienstag und den Donnerstag ab 11 Uhr 45. Die Länge leitete sich ab von der damaligen Dauer aller Beiträge: 3 Minuten und 30 Sekunden. Die Sendung „Allerhand für Stadt und Land“ gab es ja nicht mehr. Sie wurde von der „Spielbox“ abgelöst, und die moderierten Ilona Kleitz (die spätere Ilona Christen) und Manfred Sexauer. Für die beiden würde ich ja auch schreiben, betonte Emil Schäfer, und er erklärte mir: Einmal in der Woche wäre die Vorproduktion. Aber darum brauchte ich mich nicht zu kümmern. Die Regie mache er selbst.

 

Als Berufsanfänger ließ ich mich vom Honorar überreden. Ich wollte aber auch von den Weissenbachs lernen. Fast jede Woche aß ich einmal mit ihnen in der Kantine des Saarländischen Rundfunks. Wir diskutierten, (v)erzählten und lachten viel. Vor allem drei Dinge habe ich von ihnen gelernt:

 

1. Mit äußerster Konzentration und großer Ernsthaftigkeit bereiteten sie sich vor. Jede Betonung und jede Pause waren überlegt. Sie übertrieben nicht und blieben immer natürlich. Vor allem bei Gags und Witzen muss das Timing stimmen. Ein falsches Wort, eine falsche Betonung oder eine zu kurze Pause - und alles ist futsch. Zwei Profis mit Bodenhaftung. Sie spielten nicht die Weissenbachs, sie waren die Weissenbachs. Man spürte ganz einfach die jahrzehntelange Erfahrung mit einer täglichen, aber nicht alltäglichen Sendung. Kein Zufall, dass sie so gut und populär waren.

 

2. 1976 schrieb ich mit Klaus-Michael Mallmann das Theaterstück „Eckstein ist Trumpf - ein Volksstück über die Anfänge der Bergarbeiterbewegung an der Saar“. Das Saarländische Landestheater führte es auf, es kam gut an. Aber in der Saarbrücker Zeitung wurde es von der Kritik verrissen. Die Weissenbachs sagten mir, das sei gar nicht so schlecht. Schlimm sei es nur, wenn sie überhaupt nicht berichten. Der Verriss zeige, dass man uns ernst nehme. Recht hatten sie. Zwei Jahre später erhielten Klaus Michael Mallmann und ich für die Hörspielfassung des Stücks den Kurt-Magnus-Preis der ARD.

 

3. Von den Weissenbachs lernte ich das, was ich als „volkstümliche Lautschrift“ bezeichne. Es mag für einen nicht-saarländischen Germanisten sinnvoll sein, in einem saarländischen Mundarttext das Wort „Schdinga“ zu lesen. Ich aber schreibe - wie im Hochdeutschen -– „Stinker“. Da weiß man sofort, was gemeint ist. Außerdem brauchten wir damals eine Art „saarländische Hochsprache“, ein „Oxford-Saarländisch“, das im moselfränkischen Raum ebenso verstanden wurde wie im rheinfränkischen. Und das musste lesbar sein. Fritz Weissenbach drückte das so aus: „Im Zweifelsfall immer so schreiwe wie im Hochdeitsche. Dann kenne mir das aach lese.“

 

 

Ein Sketch entsteht

 

In meinem Büro in Südfrankreich habe ich mehrere hundert Mahlzeit-Sketches archiviert. Daneben stehen fünf Karteikästen: meine Gag-Kartei. Sie enthält Witze, Zitate, Sprachspiele und Kurzinfos zu allenmöglichen Themenbereichen. Diese haben wiederum eine klare Binnenstruktur. Da gibt es etwa die Abteilung „Lebensabschnitte“ (von der Zeugung bis zu Petrus imHimmel) oder „Das Jahr im Wandel“ (von Neujahr bis Silvester). Ständig füllte ich sie auf mit eigenen Einfällen, mit Dingen, die ich irgendwo aufschnappte, aber auch mit Fundsachen aus Zeitungen und Illustrierten.

 

Wenn etwa der Frühlingsanfang bevorstand, dann holte ich aus dem Kasten „Das Jahr im Wandel“ die entsprechenden Karteikarten heraus. Vieles konnte ich nicht gebrauchen, aber dann stieß ich zum Beispiel auf eine Karte, da stand „Der Frühling ist ausgebrochen – der Gefängnisinsasse auch“. Da Fritz und Gerti Weissenbach genau gegenüber dem Lerchesflur-Gefängnis in Saarbrücken wohnten, würde ihnen das sicher gut gefallen. Ich schrieb dann einen Dialog zum Thema Frühlingsanfang, bei dem zunächst beide aneinander vorbei redeten.

 

Fritz: (pathetisch, hochdeutsch) Der Frühling ist ausgebrochen (dann alltäglich, schnell, saarländisch) heit morje um Vertel vor 6.

 

Gerti: (entsetzt, redet ohne Punkt und Komma, Fritz versucht vergebens, sie zu unterbrechen)

Oh Gott, jetzt aach das noch! - Ma is jo heitsedaachs nemmeh sicher. Es is jo aach kenn Wunner. Das kommt alles nur von denne Reforme. Ich sahns jo usw.

 

Im gleichen Sketch rezitiert Fritz den mittelalterlichen Minnesänger Walther von der Vogelweide. Der habe ein Frühlingsgedicht geschrieben. Das fange an mit: „Ich saß auf einem Stään“.

 

Gerti verstand nicht, doch Fritz erklärte ihr das: „On änem Stään sitze, das kann ma jo nur in rer warm Jahreszeit mache, sonschd kriehd ma Huddel mit de Niere.“

 

Dann will sie wissen, wie der Dichter hieß, und Fritz sagt korrekt: „Walther von der Vogelweide“. Gerti lacht und behauptet, das sei bestimmt ein Künstlername. In Wirklichkeit habe der gesessen, obwohl er gestanden habe: „Das war de Walter von de Lerchesflur“.

 

 

Unterhaltung ist Training

 

Neben den Mahlzeit-Sketches schrieb ich ein bis zwei Dutzend Mundarthörspiele, in denen Fritz und Gerti Weissenbach die Hauptrolle spielten. Als Autor der Mahlzeit-Sketches blieb ich anonym, wie die andern auch. Bei den Hörspielen stand selbstverständlich mein Name in der Programmvorschau und wurde auch vor oder nach der Ausstrahlung genannt. Meine eher intellektuellen Freunde schüttelten darüber den Kopf. Denn gleichzeitig beschäftigte ich mich journalistisch und literarisch mit ernsthaften Themen. Das ging für sie nicht zusammen. Das war unseriös, denn Mundart war in den siebziger Jahren noch vor allem die Sprache der Straße und der Fastnacht. Gegen beides hatte ich nichts.

 

Für mich war das auch ein hervorragendes Training. In den saarländischen Themen und in der Mundart war ich zu Hause, und es schadet ja nichts, wenn man in einer Sprache, die man beherrscht, über Dinge schreibt, die man kennt. Unterhaltung hat noch einen zusätzlichen Vorteil: Man bekommt sofort eine Rückkoppelung. Der kleinste Fehler rächt sich. Man lernt. Nehmen wir mal einen alten saarländischen Dialog:

 

Zwei pensionierte Bergleute sitzen vor der Kaffeeküche auf einer Bank. Da kommt die hübsche Tochter des Pächters vorbei. Der Hennes schaut sie an und singt: „Man müßte nochmal zwanzig sein“. Darauf sagt der Jäb: „Ich wääß net, wege denne fünf Minute wedder verzig Johr unner Daach…“

 

Mit wenigen Mitteln kann man diesen Witz kaputt machen. Die konkreten Angaben (Kaffeeküche, Bank, Tochter des Pächters, die Namen der zwei) sind notwendig, um das Milieu zu charakterisieren. Eine unnötige Information (um 14 Uhr, grüne Bank usw.) führt unweigerlich in die Irre. Die indirekte Rede würde alles kaputt machen, auch das Erzählen von hinten. Niemand würde auch nur schmunzeln, geschweige lachen. So schreiben und erzählen wir allerdings keine Witze. Weil wir das ja selbst merken. Aber bei „normalen“ Sachtexten und bei offiziellen Reden ist das anders. Da kriegen die Produzenten von Langeweile oft nicht mit, was sie anstellen. Sie haben dadurch auch keine Chance, etwas für die Zukunft zu lernen.

 

 

Weissenbachs Erben

 

Unterhaltung verhält sich zur Literatur wie Gymnastik zum Sport. Sie lockert auf und stimmt ein. Für alle, die damit umgehen können, bietet sie viele literarische Möglichkeiten. Wer die Nase über das Werk von Loriot rümpft, hat nicht nur keine Ahnung, sondern ist auch ein unangenehmer Zeitgenosse. Wie wichtig auch Mundart ist, um literarische Figuren vollblutig werden zu lassen, das sieht man selbst in der Weltliteratur, etwa in „Professor Unrat“ von Heinrich Mann. Das sah man im Saarland der siebziger Jahre allerdings noch anders. Doch bald sollte sich das ändern - durch saarländische Kabarettisten wie Gerd Dudenhöffer und Schorsch Seitz sowie durch Schriftsteller wie Ludwig Harig und Alfred Gulden. Mediale Zustimmung gab es 1980 durch die Saarlandwelle, politische 1985 durch Oskar Lafontaine. Ich selbst werkelte in der „Schnittmenge“ von allen.

 

Nach dem Tod von Fritz Weissenbach gehörte Gerti Weissenbach noch zur Starbesetzung des Hörfunk-Comics „Lyoner I antwortet nicht“ (1982). Gerd Dudenhöffer und Peter Maronde waren mit dabei, und Manfred Sexauer führte Regie. Geschrieben hatte ich die 24 Folgen gemeinsam mit dem saarländischen Mundart-Kabarettisten Schorsch Seitz. Gerti Weissenbach trug entscheidend dazu bei, dass niemand über die Science-fiction-Parodie sagen konnte:

 

Na dann MAHLZEIT!               

 

Ihr Gerhard Bungert               

 

Fotos: Landesarchiv Saarbrücken, Sammlung Weissenbach.


 

 

Ein weiteres Foto von Fritz Weissenbach (mit seinem Renault 4 CV) finden Sie hier auf der Seite Crèmeschnittchen.

 

 

Mehr über Radio Saarbrücken sowie Rundfunk und Fernsehen im Saarland allgemein gibt es im Kapitel RADIO und FERNSEHEN:

 

 


            

 

 

Inhalt des Kapitels RADIO UND FERNSEHEN:

 

1)  Geschichte des Rundfunks im Saarland (von 1929 bis 1959 und später)

  

2)  Radio Saarbrücken:

     a)  Der Heimatsender der Saarländer

     b)  Radio-Erinnerungen

     c)  Reporter und Übertragungswagen

     d)  Die Familie Weissenbach  (die beliebten Moderatoren Gerdi und Fritz)

     e)  Die Saarlandbrille  (beliebte Sonntagssendung mit "Zick, Zack & Marieche")     

     f )  Die Wartburg (das Funkhaus von Radio Saarbrücken)

     g)  Der Mittelwellen-Sender Heusweiler  /  Bilder vom Heusweiler Sender

 

3)  Fernsehen im Saarland der 50er Jahre: Von TELESAAR zum SR-Fernsehen

 

4)  Europe 1

     a)  Der private französische Langwellensender Europe No 1     

     b)  Die Antennen-Anlage von Europe 1 - Mastbruch 2012

  

5)  Radio- und Fernsehgeräte aus saarländischer Produktion

 

Diese Seite wurde zuletzt geändert am 20.8.2016

 

 

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