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1948: Mein Vati kehrt aus der Kriegsgefangenschaft heim

 

 von Rainer Freyer

 


 

 

a) Mein schönstes Weihnachtsgeschenk

 

 

Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg als Soldat zunächst in Frankreich und später in Russland. Die Tatsache meiner Geburt verdanke ich dem glücklichen Umstand, dass er im August 1941 Heimaturlaub bekam. Neun Monate später erhielt er in der Ukraine nebenstehendes Telegramm von meiner lieben Tante Paula, die bei meiner Geburt dabei war:

 

Als ich sechs Jahre alt war, kam ich am 1. September 1948 in die Volksschule, und zwar in die Bachschule an der Blies in Neunkirchen. Zu Beginn meiner ersten Weihnachtsferien wurde ich am Tag vor dem Heiligen Abend morgens wach. Ich stand auf und schlich mich im Schlafanzug in die Küche, wo meine Mutter schon mit dem Geschirr klapperte. Sie war dabei, unser Frühstück vorzubereiten, so wie sie es jeden Tag machte. Aber heute erblickte ich etwas Ungewöhnliches in der Küche. Was war das, was da an meinem Platz über dem Stuhl hing? Ich fragte meine Mutti erstaunt und ungläubig: "Ja, war denn das Christkind schon da und hat mir eine lange Hose zu Weihnachten gebracht?" Aber da war noch etwas Seltsames: Auf dem Tisch stand eine große Glasschüssel mit Plätzchen! Wie denn, Weihnachtsplätzchen schon einen Tag vor dem Heiligen Abend? Das konnte doch nicht sein! Meine Mutter hatte in den Wochen vor dem Fest zwar schon ein paarmal dem Christkind unter die Arme gegriffen und Plätzchen gebacken. Wir durften ihr sogar dabei helfen und mitmachen. Aber am nächsten Morgen hatte das Christkind die Plätzchen immer schon abgeholt, und wir mussten bis zum Heiligen Abend warten, bevor wir sie wiedersahen, bei der Bescherung. Aber dieses Jahr, heute schon Plätzchen auf dem Küchentisch?

 

Meine Mutter sagte zu mir nur "Geh mal ins Schlafzimmer!" Ins Schlafzimmer? Ich war doch gerade dort hindurchgekommen, um in die Küche zu gelangen, und mir war im Halbdunkel nichts Besonderes aufgefallen. Ich ging zurück und erblickte - zu meiner riesengroßen Überraschung - einen ausgewachsenen Mann in dem großen Doppelbett liegen, in dem meine Mutter sonst alleine schlief. Und mein Bruder Klaus, der drei Jahre älter war als ich, lag neben ihm, in seinen Armen. Ich sagte mir sofort, das muss mein Vati sein, von dem uns unsere Mutti immer erzählt hatte - dass er im Krieg war und später in Kriegsgefangenschaft in Russland, und dass wir alle darauf warten würden, dass er irgendwann endlich wieder nach Hause käme. Er hatte uns manchmal eine Postkarte aus Russland schreiben dürfen (siehe unten!), aber gesehen hatte ich ihn noch nie in meinem jungen Leben, nicht bewusst jedenfalls. Denn als er 1943 zum letzten Mal vor dem Kriegsende auf Heimaturlaub bei uns war, war ich erst ein Jahr alt (wie man auf dem Foto links sehen kann). Aber daran konnte ich mich natürlich nicht erinnern.

 

Ich krabbelte also zu meinem Vati ins Bett, und dann erzählte er uns, dass er in der Nacht aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. Auch meine Mutter hatte nichts davon gewusst, denn er konnte sie vorher nicht über seine Heimkehr benachrichtigen. Und so hatte er sie mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Er erzählte uns nun, dass er und seine Kameraden mit dem Zug gefahren seien, eine ganz lange Strecke, mehrere Tage hätten sie gebraucht. Und als sie endlich Deutschland erreicht hatten, wurden sie auf den ersten Bahnhöfen, auf denen der Zug anhielt, von wildfremden Leuten jubelnd begrüßt. Sie hätten ihnen Butterbrote und Weihnachtsplätzchen in die Waggons gereicht und sich mit ihnen gefreut, weil sie jetzt endlich nach Hause kommen durften. Die meisten Plätzchen, die er bekommen hatte, hatte unser Vati für uns aufgehoben und mitgebracht, und deshalb gab es bei uns dieses Jahr ausnahmsweise schon vor Weihnachten Plätzchen zu essen.

 

So lernte ich also mit sechseinhalb Jahren meinen Vater kennen und konnte nun zum ersten Mal in meinem Leben in seinen Armen liegen. Am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien fragte uns unsere Lehrerin, sie hieß Fräulein Gräser und wohnte in Ottweiler, was wir denn so alles geschenkt bekommen hätten zu Weihnachten. Meine Mitschüler berichteten von Kleidern und Spielsachen und anderen Dingen. Als ich an die Reihe kam, sagte ich nur, glücklich und voller Stolz: "Mir hat das Christkind zu Weihnachten meinen Vati geschenkt!"

 

(Diese Geschichte habe ich zum ersten Mal vor ein paar Jahren als "Hausaufgabe" für meinen Spanischkurs am Sprachenzentrum der Uni Saarbrücken geschrieben. Wer möchte, kann sie hier in Kurzform auf Spanisch lesen. Quien quiera puede leer este cuento en español aquí)

 

 

b) Post aus Russland

 

Schon ein Jahr vorher musste mein Vater geahnt oder jedenfalls gehofft haben, das Weihnachtsfest 1948 wieder bei uns verbringen zu können. Nebenstehende Karte, datiert am 13.11.1947, hatte er uns aus der Kriegsgefangenschaft geschrieben. Die Gefangenen durften einige wenige Karten pro Jahr nach Hause schreiben, und auch die Anzahl der Wörter war begrenzt, deshalb der "Telegrammstil". Da die abgebildete Karte mit dünner Tinte geschrieben war, die inzwischen (nach über 60 Jahren!) stark verblasst ist, ist sie kaum noch lesbar. Der Text neben selbst gemalter Kerze, Kugel und Tannenzapfen lautet:

 

"Liebe Martha, Klaus, Rainer. Bin gesund. Geburtstagsgrüße [meine Mutter hatte am 11. November Geburtstag gehabt]. Meine Gedanken Heiligabend bei Euch. Grüße alle. Nächste Weihnachten zu Haus. Tausend Grüße Küsse Vati. FROHE WEIHNACHTEN." 

 

 

Vier Monate vorher, am 1. Juni 1947, hatte er schon einmal eine Karte nach Hause geschrieben, sie hatte folgendem Wortlaut:

 

"Überglücklich Bildbrief erhalten. Was hab ich Buben. Wenn es schwer ist, dann Bild sehen. Herze lacht. Klaus soll brav sein. Edithbrief erhalten. Bin gesund. Wann Wiedersehen? Tausend Grüße Küsse auch alle Bekannten. Willi. Kein Brief mehr schreiben. Rückantwort nur mit Tinte."

 

Letzteres sollte bedeuten, dass auch meine Mutter nur noch Karten, keine Briefe mehr schreiben sollte, und nur mit Tinte, nicht mit Bleistift, weil mein Vater sie sonst wohl nicht mehr erhalten hätte. Bei "Edithbrief" muss es sich um einen Brief von seiner Nichte Edith gehandelt haben. Und mit "Bildbrief" hatte er einen Brief von meiner Mutter gemeint, den sie ihm einige Zeit vorher in die Gefangenschaft geschickt hatte.

 

 

 

Und dies war das Foto, das sie ihm beigelegt hatte, und das er sich danach immer anschaute, wenn es ihm schlecht ging. Er hat es aus der Gefangenschaft mit nach Hause zurückgebracht, und man kann sehen, dass es in den anderthalb Jahren, die es mit ihm zusammen in Russland verbracht hat, ganz schön "gelitten hat.

 

Die Vorderseite einer (anderen) Karte meines Vaters aus Russland nach Hause:

 

Etwa 1943/44: Vati im Krieg - mein älterer Bruder und ich zu Hause

 

 

In diesen Jahren erging es vielen deutschen Kindern so oder ähnlich wie mir. 1947 wurde die Heimkehr der ersten Kriegsgefangenen angekündigt. Ein saarländischer Mundartdichter verfasste unter dem Pseudonym "Black von Kaltnack" (Kaltnackisch ist der volkstümliche Name des Dudweiler Ortsteils Herrensohr) dazu dieses Gedicht (SZ-Ausschnitt vom 16.01.1947, ausgestellt vom Dörrenbacher Heimatverein beim Landesfest 2007 in Saarbrücken):

 

 

 

 

 

c) "Bürokratie" anlässlich der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft

 

Mein Vater war am 6. April 1945 in russische Kriegsgefangenschaft geraten, am 20. Dezember 1948 wurde er nach Hause entlassen.

 

Dies ist der Entlassungsschein meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft im Jahre 1948.

 

Genau in der Mitte ist ein Stempel angebracht, welcher besagt: "Libéré par les autorités russes" (Von den russischen Behörden auf freien Fuß gesetzt).

 

Darunter bescheinigt der Arzt der Kontrollkommission deutscher Kriegsgefangener, dass der Inhaber "ungezieferfrei ist und keine ansteckenden oder übertragbaren Krankheiten hat".

 

Das erste Dienstsiegel lautet "C. S. T. O. - Commission de Contrôle des Prisonniers de Guerre Allemands" und das zweite "Commandement sup. des troupes d'occupation"

(Oberkommando der Besatzungstruppen).

 

Ganz unten (links) ist der Fingerabdruck (rechter Daumen) des ehemaligen Kriegsgefangenen zu sehen.

 

Das Dokument ist beglaubigt durch Oberst Bailloux, Chef de l'Annexe de la Direction Générale des Prisonniers de Guerre Allemagne - Autriche.

 

 

Ein Ausschnitt aus der Rückseite des Entlassungsscheins. >

 

Unterwegs wurde in Tuttlingen (damals in Württemberg-

Hohenzollern) vermerkt, dass der Heimkehrer vom Roten Kreuz eine Marschverpflegung erhalten hatte (unten rechts). Ebenfalls in Tuttlingen drückte (oben rechts) der "Staatskommissar für die Umsiedlung für das französisch besetzte Gebiet" einen Stempel auf das Papier, mit dem er verfügte, dass mein Vater sich beim Landratsamt Ottweiler (Umsiedlungsamt) zur weiteren Prüfung zu melden habe.

 

Ein weiterer Stempelaufdruck besagt, dass er bei Anmeldung auf dem Bürgermeisteramt sämtliche militärischen Ausrüstungs- und Bekleidungs-

gegenstände abzuliefern hatte, welche die Ämter wiederum dem zuständigen Gouvernement Militaire übergeben mussten. Außerdem musste er sich beim "Commissariat de la Sûreté" des zuständigen Kreises melden. Gleich am ersten Tag nach seiner Ankunft in Neunkirchen begab er sich zur Stadtverwaltung, wo er sich beim "Statistischen Amt der Stadt" anmeldete (Vermerk unten links).

 

 

Mit diesem Feststellungsbescheid wurde meinem Vater im Mai 1955, sechseinhalb Jahre nach seiner Heimkehr, auf seinen Antrag hin für die dreieinhalb Jahre Kriegsgefangenschaft eine "Entschädigung" in Höhe von 72.000 Frs. gewährt.

 

Diese Summe entsprach damals einem Betrag von ungefähr 612 DM (rund 312 Euro).

 

Für jeden Monat wurden 3.000 Frs. gewährt, also etwa 13 Euro, aber erst für die Zeit nach dem 1.1.1947; für die 21 Monate davor gab es keine Entschädigung.

 


                       Diese Seite wurde am 15.2.2008 begonnen, zuletzt bearbeitet am 10.12.2010  

 

  

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