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Umfangreiche Listen mit den alten und neuen Straßennamen anlässlich der
Umbenennungen finden Sie auf dieser Seite ganz unten - jetzt auch mit Saarlouis, Völklingen und - NEU! - Dillingen. Das Stadtarchiv St. Ingbert kann die entsprechenden Unterlagen leider frühestens in etwa sechs Monaten zur Verfügung stellen.
Die ursprüngliche und wichtigste Aufgabe von Straßenschildern ist es, die räumliche Orientierung in Städten und Dörfern zu erleichtern. Aber schon früh hat man ihnen noch eine andere Funktion mitgegeben: Sie sollen die Erinnerung an interessante Menschen, an Künstler oder wichtige Persönlichkeiten der Geschichte wachhalten, indem sie deren Namen öffentlich zur Schau tragen.
Wenn sich die politischen Verhältnisse in einem Land aber ändern, beeilen sich die neuen Machthaber bzw. Volksvertreter oft, Straßen, Brücken oder Plätzen neue Namen zu geben. Sie sollen nicht weiter an Personen oder Orte erinnern, die nun plötzlich nicht mehr erinnerungswürdig sind. Und selbst Straßenschilder, die den Namen einer Pflanze (Blumenstraße), einer örtlichen Gegebenheit (Süduferstraße) oder einen anderen unpolitischen Begriff beinhalten, bleiben nicht immer ungeschoren: Manchmal müssen sie "dringend" für eine plötzlich wichtig gewordene Persönlichkeit umgeschrieben werden.
Im Saarland des 20. Jahrhunderts haben drei weitgreifende Ereignisse seiner bewegten Geschichte zu größeren Straßenumbenennungswellen geführt. Vielfach wurden dieselben Straßen sogar mehrmals hintereinander mit neuen Namen ausgerüstet.
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• Der erste Anlass war die Eingliederung des Saargebiets in das Dritte Reich Hitlers am 1. März 1935,
• der zweite die Besetzung durch alliierte Militärbehörden nach dem Krieg (1945) und die Gründung des Saarlandes (1947),
• und der dritte die Ablehnung des europäischen Saarstatuts 1955 und die Angliederung der Saar an die BRD 1957/59.
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Im übrigen Deutschland begann die erste Welle bereits mit der Machtergreifung Hiltlers 1933, also zwei Jahre früher als im Saarland. Die zweite lief dort etwa genauso ab wie hier, und nur die dritte war eine rein saarländische Angelegenheit.
Aber werfen wir zunächst einen kurzen Blick auf die Zeit vor 1935.
In der
1920 - 1935: Völkerbundzeit
Wenn die saarländischen Städte und Gemeinden in der Zeit des Völkerbundmandats für neu gebaute Straßen Namen finden mussten, konnten sie diese nach ihrem eigenen Gutdünken auswählen. Die Regierungskommission des Völkerbundes mischte sich nicht ein, und auch die französische Besatzung hielt sich heraus. So benannte der Saarbrücker Stadtrat zum Beispiel mehrere Straßen nach prominenten Politikern der Weimarer Republik. In dem damaligen Neubaugebiet Am Homburg erhielten zwei Straßen die Namen von Matthias Erzberger und Walther Rathenau (der erste gehörte der Zentrumspartei an und hatte in Compiègne das Waffenstillstandsabkommen zum Ende des Ersten Weltkriegs unterzeichnet, der andere war liberaler Reichsaußenminister; beide waren von einer rechtsradikalen geheimen Offiziersvereinigung ermordet worden). Die Sulzbachstraße wurde 1924/25 nach dem SPD-Vorsitzenden und ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert benannt, die Alleestraße nach dem zweiten Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und die Luisenstraße in Alt-Saarbrücken nach Gustav Stresemann, Reichskanzler und Außenminister während der Weimarer Republik. Eine neu errichtete Straße auf dem Rotenbühl (die heutige Kaiserslauterer Straße) wurde nach der Stadt Danzig benannt, die Deutschland durch den Versailler Vertrag verloren hatte. [1]
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[1] Vgl. Karl August Schleiden. Von Gustav Stresemann über Adolf Hitler zu Max Braun. Straßennamen als Ausdruck politischer Einflußnahme am Beispiel von Saarbrücken, Teil II. In: Eckstein. Journal für Geschichte, hrsg. von der Geschichtswerkstatt Saarbrücken e.V. Nr. 4, 1989, S. 11 ff.
1) Ab 1935 - Eingliederung der Saar ins Dritte Reich
Am 13. Januar 1935 entschieden sich (laut offiziellem Ergebnis) über 90% der Abstimmungsberechtigten im Saargebiet für einen Anschluss an das Deutsche Reich. Dieser erfolgte schon gut sechs Wochen später, am 1. März 1935. Nachdem das Land fünfzehn Jahre lang unter dem Mandat des Völkerbundes und der Kontrolle durch die Franzosen gestanden hatte, war
es nun wieder ein Teil Deutschlands. Die Saarländer wollten "heim ins Reich", aber das frühere Kaiserreich und die Weimarer Republik gehörten inzwischen der Vergangenheit an, und so wurden sie nun ans "Dritte Reich" angeschlossen, in dem seit 1933 die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler an der Macht waren.
Diese hatten dort schon kurz nach ihrer Machtergreifung damit begonnen, sämtliche Erinnerungen an Persönlichkeiten auszulöschen, die ihnen nicht (mehr) genehm waren: Die Namen aller Politiker der Weimarer Republik und aller Menschen, die sich irgendwann gegen die Nazis gestellt hatten, wurden von den Straßenschildern getilgt. Dieses Spiel setzten die Nazis nun auch im Saarland fort. Ebert, Stresemann, Rathenau und Erzberger, die erst wenige Jahre zuvor zu Ehren gekommen waren (s.o., Völkerbundzeit), mussten wieder weichen. Einer durfte allerdings bleiben: Paul von Hindenburg - er hatte schließlich Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt.
Im Gegenzug sollten nunmehr Namen von Schlachtorten und charismatischen Kriegshelden aus dem 1. Weltkrieg auf die Straßenschilder gebannt werden. So ersetzte die Richthofenstraße in Völklingen-Fürstenhausen die Kaiserstraße, und der Mythos von Langemarck verhalf der Stresemannstraße in Saarbrücken (heute Saaruferstraße) zu einem neuen Namen.
Es kamen nun aber auch Personen, Orte und Ereignisse zum Zuge, die in engem Zusammenhang mit der NSDAP standen. So gab es bald in mehreren Gemeinden beispielsweise eine Dr.-Todt- (Saarbrücken), Josef Goebbels- (Dillingen) oder Hermann-Göring-Straße (Neunkirchen, Dillingen und Dudweiler). Zu Ehren des 1930 von einem Kommunisten in Berlin erschossenen SA-Sturmführers Horst Wessel (er hatte den Text der nach ihm benannten NSDAP-Parteihymne verfasst) wurden der Landwehrplatz in Saarbrücken und die dort befindliche Oberrealschule nach ihm getauft.
Der Nauwieser- und der Gerber-Platz erhielten nun die Namen von Planetta bzw. Holzweber - sie waren zu Märtyrern der NS-Bewegung geworden, weil sie 1934 den oesterreichischen Bundeskanzler Dollfuß ermordet hatten und deshalb hingerichtet wurden. Auf dem Wackenberg wurde Wilhelm Gustloff bedacht, der schweizerische NSDAP-Landesgruppenleiter, der 1936 einem Attentat zum Opfer gefallen war.
Gemäß einer Verordnung des Reichsinnenministeriums über die "Grundsätze für die Straßenbenennungen" vom Juli 1933 sollte in jeder Stadt die wichtigste Straße nach Adolf Hitler benannt werden. In Saarbrücken und Neunkirchen war jeweils die Bahnhofstraße davon betroffen, in Völklingen die Poststraße, und in Saarlouis
wurden die Deutsche, die Französische und die Lisdorfer Straße in eine lange Adolf-Hitler-Straße zusammengefasst. Nach dem Wunsch der Nazis sollte es in allen größeren Städten auch einen "Platz der deutschen Front" geben; also wurden zum Beispiel in Saarbrücken und Ottweiler jeweils der Rathausplatz und in Neunkirchen der Obere Markt entsprechend umbenannt. Die Maximinstraße in Dillingen-Pachten wurde zur Deutsche-Front-Straße.
Im Saarland wurden nun auch lokale Nazi-Größen und Ereignisse bei Straßenbenennungen berücksichtigt: Der Name von Gauleiter Joseph Bürckel, der für die Modalitäten des Anschlusses der Saar an Deutschland im März 1935 zuständig war, erschien auf den Straßenschildern: in Saarbrücken in der bisherigen Metzer Straße und in Neunkirchen in der Bebelstraße (heute Süduferstraße).
Bürckel selbst drängte 1936 darauf, dass in jeder saarländischen Gemeinde in Erinnerung an das Datum der ersten Volksabstimmung eine Straße nach dem 13. Januar 1935 benannt wurde. In Neunkirchen wurde beispielsweise die Hüttenbergstraße und in Völklingen die damalige Luisenstraße nach diesem schicksalsträchtigen Datum getauft. Auch in Blieskastel musste eine Straße dafür herhalten, und in Dillingen gab es "Am Platz des 13. Januar". In der Hauptstadt suchte man sich eine neu gebaute Straße heraus, die noch keinen Namen hatte. Man nannte sie 13. Januar-Straße. Nachdem wir wissen, welche verheerenden Auswirkungen dieses Datum für die Saar hatte, mutet die Benennung geradezu "prophetisch" an: Die Straße führt von der Polizeikaserne bis zum Schlachthof ! Schon 1945 wurde sie von der Besatzungsmacht in Schlachthofstraße umbenannt. Ab 1949 hieß sie St. Arnualer Straße, aber am 16.7.1957 gab man ihr erstaunlicherweise ihren schicksalhaften ersten Namen wieder zurück, wenn auch in leicht veränderter Form ("Straße des 13. Januar"). Und den trägt sie noch heute. In Neunkirchen erhielt die betroffene Straße nach dem Krieg ihren alten Namen zurück, und in Völklingen wurde sie in Karl-Janssen-Straße umbenannt. Dafür trägt aber jetzt eine lange Straße parallel zur Saar zwischen Völklingen und Luisenthal den Namen "Straße des13. Januar".
Wichtig war den Nazis an der Saar auch die Erinnerung an Jakob Johannes, jenen Eisenbahnschlosser aus Malstatt, den das französische Militär 1919 wegen Waffenbesitzes hingerichtet hatte. Nach ihm wurde je eine Straße in Malstatt, Neunkirchen und Völklingen-Fürstenhausen benannt.
Zahlreiche in Saarbrücker Neubauvierteln vergebene Straßennamen erinnerten an Städte und Gebiete, die die Deutschen im 1.Weltkrieg verloren hatten: Ostpreußen (Memel, Tannenberg), Tirol (Dolomiten, Meran, Bozen, Innnsbruck) und Balkan (Egerland, Banat, Siebenbürgen). Damit sollte demonstriert werden, dass man sie schnellstmöglich wieder zurückerobern wollte. Im Zuge der Kriegsverherrlichung erhielten Straßen jetzt auch Namen wie Kriegsweg (in Saarlouis; seit 1946 Friedensweg) oder Westwallring (in Saarbrücken; heute Hohe Wacht/Spichererbergstraße). Zwischen der Straße des 13. Januar und der Bismarckstraße legten die Nazis einen großen Platz an, den sie Befreiungsfeld nannten. Sie benutzten ihn für Aufmärsche ihrer verschiedenen Organisationen. Auch Hitler hielt dort 1938 eine politische Rede an die Saarländer.
Mit den Straßenbenennungen nach Personen aus ihren eigenen Reihen, die noch am Leben waren (Bürckel, Dr. Todt usw.) verstießen die Nationalsozialisten gegen den bis dahin (und auch nach ihrer Zeit wieder) allgemein gültigen Grundsatz, niemanden zu seinen Lebzeiten auf Straßenschildern zu ehren. 1941 wies Reichsinnenminister Frick die Reichskommissare der Gaue in einem Schreiben zwar darauf hin, dass "die Benennung von Strassen, Plätzen usw. nach Lebenden zu unterbleiben hat", und bezog sich dabei auf einen Runderlass vom 15. Juli 1939. Aber er ließ auch Ausnahmen zu: Sollte eine Gemeinde eine solche Benennung ins Auge fassen, müsse sie vorher seine Zustimmung einholen [1]. Und die vielen Hitler-, Göring- und Goebbels-Straßen gehörten schon lange vor dem Erlass zum alltäglichen Straßenbild im ganzen Reich.
Eine weitere Abweichung der Nazis von den allgemeinen Gepflogenheiten bestand darin, dass nicht mehr - wie bisher - ausschließlich die Gemeinden für Umbenennungen zuständig waren, sondern faktisch die Partei. Der Reichsinnenminister hatte zwar in einer "Verordnung über die Benennung von Straßen, Plätzen und Brücken" vom 1. April 1939 festgelegt, dass die Namensgebungen zu den Aufgaben der Gemeinden gehörten, aber gleichzeitig bestimmt, dass sie der Zustimmung der NSDAP bedurften [2].
Kleine Kuriosität am Rande: Der falsche Franzose
Die Nazis waren wohl nicht genau über das kriegerische
Geschehen an der Goldenen Bremm informiert. Sie waren von ihrem
nationalistischen Eifer geblendet. So wollten sie nach der Saarabstimmung 1935
die Françoisstraße in Alt-Saarbrücken eliminieren. Ein Deutscher hatte
gefälligst „Franz“ zu heißen – und nicht „François“ wie beim Erbfeind. Dabei
übersahen sie, dass der Namensgeber „Bruno von François“ hieß und ein strammer preußischer Generalmajor war, der 1870 bei der Erstürmung des Spicherer Berges getötet wurde. Den französischen Namen hatte der Nachfahre
eingewanderter Hugenotten beibehalten, sich dabei aber später von der Cedille, dem
Komma unter dem „c“, verabschiedet (heute schreibt man Francoisstraße). Auch die französische Besatzung war gegen
Irrtümer nicht gefeit. Nach Kriegsende suchten sie etwa in Dudweiler den Turnvater Jahn, den sie
verdächtigten, ein aktiver Nazi zu sein.
Insgesamt wurden in Saarbrücken in der Nazi-Zeit 18 Straßennamen geändert, in Neunkirchen etwa 14 (siehe Tabelle ganz unten!).
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[1] Schreiben des Reichsministers des Innern vom 22.01.1941. Im Bestand des Stadtarchivs Saarbrücken.
[2] Reichsgesetzblatt 1939, S. 703.
In dem Buch "Saarland Früher und Heute", Komet-Verlag Köln, sind auf Seite 43 zwei Fotos abgebildet, auf denen die Auswechslung von älteren Straßenschildern gegen solche mit Bezug auf Nazi-Größen dargestellt sind. Gemäß dem Bildtext handelt es sich dabei um die Bahnhof-/Adolf-Hitler-Straße und den Landwehr-/Horst-Wessel-Platz
in Saarbrücken. (Aus rechtlichen Gründen können wir diese Bilder z.Zt. hier nicht wiedergeben, weil die zuständige Bildagentur dafür hohe Honoraranforderungen stellt.) In dem weiter unten gezeigten Bild wird ein ganz ähnlicher Schilderaustausch dargestellt, der allerdings zehn Jahre später, also 1945, und in umgekehrter Tauschrichtung stattgefunden haben soll. Auf jedem der drei Fotos ist offensichtlich dieselbe Leiter zu sehen, und auch die Personen nehmen sehr ähnliche
Posen ein. Möglicherweise handelt es sich um gestellte
Fotos, die von den Besatzungsbehörden zu Propagandazwecken aufgenommen wurden (bei dem Foto unten wird die US-Armee als Urheber genannt). Sie wollten damit auch nach außen demonstrieren, dass sie es mit der Entnazifizierung und der Reedukation der Bevölkerung ernst nahmen.
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2) 1945/47 -
Französische Besatzung und Gründung des Saarstaats
Als alliierte Truppen zum Ende des Zweiten Weltkrieges das stark verwüstete Deutschland besetzten, war es ihnen ein dringendes Anliegen, die Erinnerungen an Mitglieder und Unterstützer des Hitler-Regimes auszulöschen. Deshalb begannen sie sehr schnell damit, alle Straßen, deren Namen mit dem Nationalsozialismus in Zusammenhang standen, umzubenennen. So erhielten als eine der ersten Entnazifizierungsmaßnahmen alle Straßen, die an Hitler, Göring und andere Protagonisten des Dritten Reiches erinnerten, neue Namen.
Mit den prägenden Erfahrungen, die die Saarländer in der Mitte der 30er Jahre, während der Nazi-Zeit und im Verlauf des Krieges gemacht hatten, war der Hass auf alles, was mit dem 3. Reich zu tun hatte, riesengroß geworden. Die Politiker wollten von preußisch-deutschen Traditionen nichts mehr wissen. Und so drehte die "Grande Nation“ (Frankreich)
im Saarland die „tournevis“ (Schraubenzieher), um missliebige „plaques
de rue“ (Straßenschilder) zu entfernen [1]. Arbeit gab es genug, hatten sich
doch in der Zeit nach der Schlacht bei Spichern (1870) zahlreiche deutsche
Militaristen und politische Reaktionäre verewigen lassen. Auf Straßenschildern sollten sie das Land von Kohle und Stahl schmücken und Stimmung machen für den
nächsten Waffengang.
Aber jetzt, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden die Gemeinden angewiesen, sich in weiteren groß angelegten Umbenennungsaktionen auch solcher Straßen, Plätze und Brücken anzunehmen, deren Namen an deutsche Nationalisten und Militaristen, preußische Generäle und Repräsentanten des Kaiserhauses sowie des wilhelminischen Adels erinnerten.
Diese wurden nun gegen Namen von bekannten Gegnern des Nazi-Regimes ausgetauscht, z.B. Widerstandskämpfern wie Willi Graf oder Antifaschisten wie die Sozialdemokratin Hanna Kirchner. Auch einige Vertreter der Weimarer Republik, die 1935 von den Straßenschildern verbannt worden waren, kamen nun wieder zu Ehren: Ebert, Stresemann, Rathenau und Erzberger.
Die Bismarckstraße wurde zur Schillerstraße, und die Ottostraße, die nach Bismarcks Vornamen benannt war, wich der Klausenerstraße (nach dem von den Nazis ermordeten Leiter der Katholischen Aktion). Der deutsche Dichter (Joseph Victor von) Scheffel löste den Bergrat und Bürgermeister Heinrich Böcking ab, der 1815 für den Anschluss der Saar an Preußen eingetreten war. Viele weitere Beispiele für die Auslöschung der Erinnerung an deutsche Nationalisten kurz nach dem Krieg finden Sie weiter unten in der Tabelle der Umbenennungen.
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Foto: Hier wird im Jahr 1945 das Straßenschild aus dem Dritten Reich mit der Aufschrift "Adolf-Hitler-Str." gegen ein Schild mit der Bezeichnung "Bahnhof-Str." ausgetauscht. Ein Angehöriger der amerikanischen Armee überwacht die Aktion, ein anderer Soldat fotografiert sie. Das Foto stammt vom amerikanischen Verteidigungsministerium (siehe
Bildnachweis
unten). Leider ist nicht überliefert, um welche Stadt es sich dabei handelte. Es könnte in Saarbrücken aufgenommen worden sein. Das Foto trägt den Titel "
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Die Bismarckbrücke war zu Beginn des 19. Jahrhunderts als kurze Verbindung zum Stadtteil St. Arnual gebaut und im Jahre 1815 ihrer Bestimmung übergeben worden. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nämlich am 20. März 1945, wurde ihr mittlerer Bogen gesprengt. Bereits wenige Monate später begann ihr Wiederaufbau. Zuerst wurde nur eine Hälfte als Behelfsbrücke errichtet und am 1. Juni 1946 feierlich dem Verkehr übergeben (siehe Foto). Dabei überquerten als erste Gouverneur Gilbert Grandval (zweiter von rechts), Oberbürgermeister Dr. Heim (rechts außen) und Regierungspräsident
Dr. Neureuther
(links) die Brücke. Man gab ihr den neuen Namen "Saargemünder Brücke". An einem ihrer Pfeiler wurde die folgende Inschrift eingemeißelt:
"Am 1. Juni 1946 wurde diese wiederhergestellte Brücke von Herrn Colonel Grandval, Gouverneur des Saargebietes, eingeweiht."
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Ende 1956 wurde diese Inschrift allerdings auf Grund eines Stadtratsbeschlusses wieder entfernt (siehe unten, im Abschnitt 3 - 1956/58).
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Zu den preußischen Regenten, denen nicht länger gehuldigt werden sollte, gehörte auch Großherzog Friedrich I. von Baden. Er wurde nach heftigem Disput im Stadtrat (siehe rechts!) 1946 von dem saarländischen SPD-Vorsitzenden während der Völkerbundzeit, Max Braun, als Namensgeber abgelöst. Vom Kaiser wollte man auch nichts mehr wissen, deshalb nannte man seine bisherige Straße ganz pragmatisch nach dem Gebäude, zu dem sie führte, Rathausstraße.
Da das Saarland in der Nachkriegszeit (seit Juli 1945) von französischen Truppen besetzt war, breitete sich der französische Einfluss auf das Land wieder aus. Seine Bewohner waren ja schon in der Völkerbundzeit mit ihm in Berührung gekommen. Als logische Folge wurden jetzt bei den zahlreichen Straßenumbenennungen auch wieder vermehrt Namen berücksichtigt, die in einer Beziehung zu Frankreich standen: Namen französischer Persönlichkeiten (Bizet, Ravel, Molière, Hugo, Pasteur, Marschall Ney) oder geografische Bezeichnungen (Lothringen, Donon, Commercy).
Es wurden noch zahlreiche weitere Straßen für eine (erneute) Umbenennung vorgeschlagen. Nur ein paar Beispiele: Die Françoisstraße sollte zur Fahrenheitstraße werden, die Werderstraße zur Curiestraße und die Tauentzienstraße zur Karl-Liebknecht-Straße. Man beließ es aber - aus welchen Gründen auch immer - doch bei den alten Namen.
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Über einige Umbenennungen wurde in den Städte- und Gemeinderatssitzungen heftig gerungen. Ein Beispiel aus dem Saarbrücker Stadtrat. Dort hatte die CVP 1946 die Mehrheit. Lesen Sie in dem hier auszugsweise wiedergegebenen Punkt 3 des Sitzungsprotokolls vom 19.11.1946, wie die Sozialdemokraten es dennoch schafften, für die bisherige Großherzog-Friedrich-Straße den neuen Namen Max-Braun-Straße durchzusetzen. (Quelle: Stadtarchiv Saarbrücken.)


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In Saarbrücken wurden in dieser Periode insgesamt 127 Umbenennungen durchgeführt, 63 davon erfolgten schon gleich im Jahr 1945, 64 weitere in einem Rutsch am 28.02.1947. Dies bedeutete, dass damals knapp 20 % aller Saarbrücker Straßen, Plätze und Brücken neue Namen erhielten.
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[1] Jak Cenkel & Thomas Kabioll: Saarbrücker Straßennamen hinterfragt, Saarbrücken 1989, S. 38.
[2] Das Bild ist aus wikipedia; es ist "gemeinfrei". Der englische Bildkommentar lautet:
This image is a work of a U.S. Army soldier or employee, taken or made during the course of the person's official duties. As a work of the U.S. federal government, the image is in the public domain.
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3) 1956/58 - Ablehnung des Saarstatuts und Angliederung an die BRD
Nachdem zwei Drittel der Saarländer am 23. Oktober 1955 das Saarstatut abgelehnt hatten, folgte
1957 die "kleine Wiedervereinigung" mit der Bundesrepublik Deutschland. "Seitdem
liegt wieder ein Hauch von Monarchie und Eisernem Kreuz über der Stadt."
[1]
"In den letzten Monaten des Jahres 1956 wurde das Straßenbild der saarländischen Gemeinden von allen Erinnerungen an den "nationalen Verrat" der
Jahre 1945-55 gesäubert. Die Fraktion der DPS, die im Saarbrücker Stadtrat über
die absolute Mehrheit verfügte, hatte mit Unterstützung der CDU am 25.
September 1956 (Auszug aus dem Protokoll weiter unten!) beschlossen, die unter der Regierung Hoffmann ’obwaltenden antideutschen Instinkte’ im öffentlichen Raum auszumerzen“ [2]. Vorsitzender der Säuberungskommission war Heinrich ("Heini“) Schneider, ein begnadeter
Demagoge, dessen parteipolitischer Werdegang in folgende vier Stufen eingeteilt werden kann: NSDAP,
DPS, FDP und schließlich Unterstützung der CDU im Kampf gegen die Ostpolitik
Willi Brandts.
Damit alles seine deutsche Ordnung hatte, leitete Heinrich
Schneider persönlich die mit dem Wortungetüm "Straßenumbenennungskommission“ benannte Abteilung. Sie ehrte
mal wieder preußische Generäle, erinnerte an verlorene deutsche Ostgebiete, an
regionale Feudalherren und Kämpfer gegen den französischen Erbfeind. Von der
Bildfläche sollte alles verschwinden, was ans Ausland erinnerte und an
Antifaschisten.
Die meisten der nach dem Krieg umbenannten Straßen erhielten wieder ihre früheren Namen zurück, anderen wurden neue Namen zugeteilt. Allein in Saarbrücken wurden 1956 zwölf Straßen umbenannt und 1957 noch einmal 24. Zuständig für die Umbenennungen waren die Baukommission und der Hauptausschuss.
Im Vorfeld kam es in den Stadtratssitzungen mehrfach zu heftigen Auseinandersetzungen. Als z. B. in der Saarbrücker Stadtratssitzung vom 25. September 1956 beantragt wurde, die seit 1945 aus politischen Gründen vorgenommenen Straßenumbenennungen zu überprüfen, war im Sitzungsprotokoll
später zu lesen:
Quelle: Stadtarchiv Saarbrücken.

Einen besonderen Feind sahen Schneider und seine Nationalisten in Gilbert Grandval, dem obersten Repräsentanten Frankreichs an
der Saar. Er war Franzose, Widerstandskämpfer, und er stammte aus einer
jüdischen Familie. Also wurde die Inschrift, die man anlässlich der Einweihung der Saargemünder Brücke
mit seinem Namen in einem Pfeiler angebracht hatte (siehe weiter oben, im Abschnitt 1945/47), jetzt gemäß Stadtratsbeschluss vom 25.09.1956 wieder weggemeißelt. Der Beschluss lautete wie folgt: "An der Bismarckbrücke ist die eingemeisselte Inschrift, die darauf hinweist, dass die Bücke 1946 von Gouverneur Grandval neu eingeweiht wurde, zu entfernen."
Dann setzte man noch eins drauf und taufte diese nach
Frankreich führende Brücke auf den Namen eines der größten deutschen
Militaristen und Gegners der Demokratie. Sie wurde zu dem, was sie noch heute
ist, zur Bismarckbrücke.
Besonders abgesehen hatte es Heini Schneider auf die ehrende
Erinnerung an Max Braun. Dieser war Mitte der zwanziger Jahre vom Niederrhein an die Saar gekommen, war bis 1928 Zweiter Vorsitzender der saarländischen SPD und
von 1929 bis 1935 ihr Erster Vorsitzender. Er leitete die SPD-Zeitung „Volksstimme“
und gehörte von 1932 bis 1935 dem Landesrat an. Nach der Eingliederung des
Saargebiets ins Deutsche Reich emigrierte Max Braun zunächst nach Frankreich. Gemeinsam mit
dem Schriftsteller Heinrich Mann leitete Max Braun in Paris den Lutetia-Kreis, der sich
1935-36 für eine „Volksfront“
gegen die Hitlerdiktatur engagierte. Nach der Niederlage Frankreichs ging Braun
1940 nach England, wo er unter anderem beim Soldatensender
Calais gegen Faschismus und Krieg arbeitete. Kurz vor seiner
geplanten Rückkehr starb er 1945 in London.
Ein solches Engagement gegen Krieg und Faschismus machte Max
Braun für die deutschen Nationalisten an der Saar offensichtlich zu einem Staatsfeind. Denn im
Herbst 1956 wurde die nach ihm am 28. Februar 1947 (siehe oben, Abschnitt "1945/47") benannte Straße in
Saarbrücken wieder in Großherzog-Friedrich-Straße umbenannt - obwohl bis heute kaum ein Saarbrücker etwas mit diesem Namen anfangen kann. Es setzten sich
jene Leute durch, die während der Saarabstimmung 1955 Plakate kleben ließen,
auf denen sie verkündeten „Wir sind wieder da!“ - Alle wussten, wer mit „Wir“
gemeint war. Eine andere Parole für Heini Schneider lautete: „Heini Schneider bringt uns weiter!“, und dessen Gegner ergänzten: „So wie damals ein Gefreiter!“.
Die Max-Braun-Straße in Neunkirchen wurde allerdings nicht angetastet. Und unter OB Oskar Lafontaine bekam Max Braun schließlich wieder eine,
wenn auch kleine, Straße in Saarbrücken zuerkannt. Sie liegt wenige hundert Meter vom Friedhof St. Johann entfernt und ist - im Vergleich zu der Großherzog-Friedrich-Straße - wahrlich recht bescheiden ausgefallen. Allerdings ist sie doch noch etwas länger als die Sprint-Strecke Karl-Marx-Straße zwischen der ehemaligen Saarbrücker Bergwerksdirektion und den Banken in der Kaiserstraße.
Die Militarisierung der Straßennamen machte auch vor der
Kultur nicht halt. Ein typisches Beispiel dafür finden wir im Saarbrücker
Stadtteil St. Arnual. Zwischen der heutigen Hindenburgstraße (von 1947 bis
1956 hieß sie Alleestraße) und der Saargemünder Straße (bis Kriegsende: Dr. Todt-Straße)
gab es bis 1956 drei "musikalische" Verbindungsstraßen. Sie ehrten zwei
italienische und einen französischen Komponisten: Verdi, Puccini und Bizet. Aus
der Verdistraße wurde die Blücherstraße und aus der Bizetstraße die
Gneisenaustraße. Zwischen beiden überlebte die Puccinistraße, aus welchen
Gründen auch immer.
Die
sprachliche Militarisierung des Kulturbereichs schwappte von St. Arnual über
nach Alt-Saarbrücken. Dort wurde die Molièrestraße umbe- nannt in Yorckstraße,
nach dem preußischern Generalfeldmarschall
Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg.
Von Schiller über Bismarck bis Saargemünd
Selbst die Schillerstraße durfte ihren schönen Namen nicht behalten; sie wurde 1956 wieder zur Bismarckstraße. Aus unerfindlichen Gründen erfuhr dagegen die an dieser Straße gelegene Bismarckschule etwa 1952 eine "umgekehrte" Namensänderung: Sie
wurde in Schillerschule umbenannt und heißt auch noch heute so [3]. Möglicherweise wollte man damit an die im Krieg fast völlig zerstörte und nicht wieder aufgebaute alte Schillerschule erinnern: Dies war die ehemalige Kablé-Schule, bis 1938 Jüdische Volksschule. Sie stand in der Schillerstraße 6, nur wenige hundert Meter von der Bismarckschule entfernt, schräg
gegenüber dem Gautheater (später Stadt-, heute Staatstheater).
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[1] Jak Cenkel & Thomas Kabioll: Saarbrücker Straßennamen hinterfragt, Saarbrücken 1989, S. 38.
[2] Erich Später. Das Wort des Führers ist unser Befehl. Heinrich Schneider ein deutscher Patriot. Beitrag aus den Saarbrücker Heften, Nr. 89, Frühjahr 2003. Seite 95.
[3] Siehe hierzu auch unsere Seite Lycée Maréchal Ney, am Anfang und am Ende von Abschnitt 2d).
Abbildungen: Porträt Heinrich Schneider: Landtag des Saarlandes; Max-Braun-Medaille: wikipedia ("gemeinfreies" Bild)
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