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Die saarländischen
Eisenwerke
in der Zeit von 1945 bis 1959
Text
von Stefan Haas,
Weiskirchen
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"...spieen uns funkenwerfende Essen
ihr lustiges Feuerwerk entgegen."
Oder: "Geh uff die Hidd, Bub, dort
bischde guhd unna."
Die Funken speienden
Essen besichtigte schon Goethe, der bei seinem Aufenthalt
in Neunkirchen sichtlich vom dortigen Eisenwerk beeindruckt war - nachzulesen in seiner "Dichtung und Wahrheit". Das zweite Zitat entstammt dem Buch von Gerd Meiser und bezieht sich ebenfalls auf das Eisenwerk in Neunkirchen. Es charakterisiert mit wenigen Worten die Stellung und den Wert der saarländischen
Stahlproduktion in den fünfziger Jahren.
Die eisenschaffende Industrie
des Saarlandes war neben dem Steinkohlebergbau der wichtigste
Produktionszweig der saarländischen Wirtschaft
zur Zeit der Teilautonomie.
Sie umfasste sechs Werke, darunter
fünf gemischte Hüttenwerke mit Roheisen- und
Rohstahlproduktion, Walzwerkserzeugung, eigenen Kokereien
und verschiedenartigen Nebenanlagen und ein Walzwerk
ohne eigene Roheisen- und Rohstahlbasis. 1958 waren
in dieser Industrie ca. 33 000 Personen beschäftigt.
Der Gesamtumsatz der Hütten erreichte annähernd
ein Drittel des saarländischen Industrieumsatzes.
Die Grundlagen der Hüttenindustrie waren die saarländische
Steinkohle und die lothringische Minette.
In allen nachstehend beschriebenen
Hüttenwerken standen folgende Produkte auf dem
Fabrikationsprogramm
der späten vierziger und der fünfziger Jahre:

Hauptprodukte: Blöcke, Halbzeug, Spezialprofile,
Bandeisen, Eisenbahnschienen, Walzdraht, Werkzeugstahllegierungen,
rostfreie und feuerfeste Stähle und Walzstraßenrollen.
Nebenprodukte: Thomasmehl, Zement, Schlackensteine,
Teer, Öle und Benzole, Ammoniak, Lacke und andere
chemische Erzeugnisse.
Im Folgenden sollen die saarländischen
Hütten und deren Geschichte beschrieben, auf technische
Details im Rahmen einer besseren Verständlichkeit
aber verzichtet werden. Zunächst wird jeweils in
einem kleinen Exkurs die Entstehungsgeschichte der einzelnen
Werke skizziert und dann das Wichtigste aus der Zeit des teilautonomen Saarlands von
1945 bis 1959 dargestellt.
Das Röchlingsche
Eisen- und Stahlwerk Völklingen
Die Völklinger Hütte
war nach Beschäftigtenzahl und Umsatz eines der
bedeutendsten Unternehmen in den fünfziger Jahren.
Sie wurde 1873 als Völklinger
Eisenhütte, Aktiengesellschaft für Eisenindustrie,
mit einem Aktienkapital von 500 000 Talern gegründet.
Im Jahre 1881 wurde es von Karl Röchling gekauft.
Unter der neuen Führung konnte es in den folgenden
Jahren zu einer auf Grund seiner Edelstähle weltbekannten
Firma ausgebaut werden. Schon zu diesem Zeitpunkt galt
die Hütte als größter Eisenträgerhersteller
Deutschlands. Seit 1890 ist das Thomasstahlwerk in Betrieb,
seit 1915 das Martinstahlwerk. Den Zweiten Weltkrieg
überstand das Werk fast unbeschadet - alliierte
Bombardierungen unterblieben weitestgehend, eigene Zerstörungen
im Sinne des Nero-Befehls erfolgten gar nicht. Hier
wurde bis zur letzten Minute, also bis zum Eintreffen der
Amerikaner produziert.
Mitte
der fünfziger Jahre waren an der Völklinger
Hütte ca. 13 000 Bedienstete angestellt. Zu jener
Zeit umfing die technische Kapazität sechs Hochöfen,
fünf Thomaskonverter, drei Siemens-Martinöfen,
ein Elektrostahlwerk mit vier Elektrolichtbogenöfen
und einem Hochfrequenz-Elektroofen. Das Walzwerk verfügte
über 14 Straßen und Kaltwalzstraßen.
Als Hilfs- und Nebeneinrichtungen standen zwei Kokereien
(mit insgesamt sieben Batterien, einschließlich
einer in Altenwald mit zwei Batterien), ein Zementwerk,
eine Schlackenmühle und ein Benzolwerk zur Verfügung.
1952 erreichte die Produktion
ihren Höchststand, bedingt durch den Bauboom und
das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit.
Erst 1956 erhielt die Industriellenfamilie Röchling mit der Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland das Werk zurück.
Das Foto (oben) der Völklinger
Hütte aus den 50er Jahren stammt von der QSL-Karte
von 9S4BU, Rolf Loose, Altenkessel.
Die Burbacher Hütte
Die Burbacher Hütte ist
wie die Völklinger Hütte eine Schöpfung
jüngeren Datums und wurde 1856 als Saarbrücker-Eisenhütten-Gesellschaft
gegründet. Der erste Hochofen wurde 1875 unter
Feuer gesetzt und vorwiegend mit luxemburgischen Erzen
beschickt. Burbach arbeitete als erstes saarländisches
Werk mit eigener Koksbasis.
Die Hütte war mit einem
Nebenwerk in Hostenbach verbunden. Da hier erhebliche
Kriegsschäden zu verzeichnen waren, liefen die
einzelnen Produktionen nach dem Krieg erst zögerlich
wieder an, im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs
kam das Werk zu erneuter Blüte.
Eine ausführliche Auflistung
von betrieblichen Ereignissen von der Gründung
des Werkes durch bewegte Jahrzehnte hindurch bis zu
seiner Schließung findet sich hier:
http://www.saarstahl.com/deutsch/unternehmen/
geschichte/burbach.html

Die Dillinger Hütte
Die Dillinger Hütte ist
die letzte heute noch verbliebene Roheisen produzierende
Unternehmung im Saarland. Sie wurde schon im Jahr 1685
nach Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV. vor den
Toren der Stadt Saarlouis gegründet und wurde im
19. Jahrhundert zur ersten deutschen Aktiengesellschaft,
und zwar im Jahre 1809. 1806 wurde der Betrieb um das
erste europäische Blechwalzwerk bereichert. Bis
zu den Freiheitskriegen gegen Napoléon war die
Dillinger Hütte zeitweise ein bedeutender Blechlieferant
der französischen Armee.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das
Werk von ca. 200 000 Granaten zu 65 % zerstört,
die Nachkriegsjahre verbrachte man mit Aufräumarbeiten,
bis man in den fünfziger Jahren wieder optimistisch
der Zukunft Stahl entgegenblicken konnte. Die französische
Sequesterverwaltung wurde im Jahr 1951 nach sechs Jahren
aufgehoben. (Foto: Günter Hesler,
Wiebelskirchen)
Bild unten: Typenschild eines Behälters, der 1952 auf der Dillinger Hütte gebaut wurde. (Foto: Stefan Haas 2011 auf der Grube Reden.)

Die
Halberger Hütte in Brebach
Die Hütte wurde im Jahre
1756 von dem damaligen Fürsten von Nassau-Saarbrücken
erbaut. Im Jahre 1809 wurde es von den Gebrüdern
Stumm übernommen. Auch hier wurde 1945 nach dem
Zweiten Weltkrieg bis 1951 das Werk unter Sequesterverwaltung
gestellt. Die Jahreskapazität des Werkes lag in
den fünfziger Jahren bei 200 000 t Roheisen.
Das Hüttenwerk verfügte
über 6 Hochöfen, eine Kokerei mit 4 Batterien,
sechs Gießereien, ein Zementwerk, ein Kalkwerk,
eine Hochofensteinfabrik und sonstige Nebenbetriebe.
Das Produktionsprogramm war hier hauptsächlich
auf die Produktion von Röhren ausgerichtet. Im
Jahre 1955 wurde in Brebach mit der Errichtung einer
modernen Sandschleuderanlage begonnen. Hierdurch sollte
die Fabrikation eines Spezialgusseisens mit erhöhten
Festigkeitseigenschaften ermöglicht werden.
(Foto aus: Prof.Dr.F.Kloevekorn,"200 Jahre Halbergerhütte,
1756 - 1956", Saarbrücken 1956)
Das Stahlwerk St. Ingbert
(Alte Schmelz)
Dieses Werk wurde 1733 gegründet.
Im Jahre 1905 vereinigte sich das Unternehmen mit dem
luxemburgischen Hüttenwerk Rümelingen zur
"Rümelinger und St. Ingberter Hochofen und Stahlwerk
AG". Seit 1920 gehört das Werk der damals neugegründeten
Aktiengesellschaft "Hauts Fourneaux et Aciéries
de Differdange St. Ingbert Rumelange" (HADIR) an.
Zu dieser Zeit wurde die Produktion auf Drahtprodukte
und Bandeisen spezialisiert.
1955 rückte das Werk durch
einen Streik der Belegschaft im Lohnkonflikt in den
Vordergrund.
Die Drahtproduktion erfolgt bis
heute durch über 100 Mitarbeiter im Drahtwerk St.
Ingbert, das seit 1993 zur Saarstahl AG gehört.
Zur ausführlichen Geschichte
des Werkes siehe folgenden Link: http://www.alte-schmelz.de/Ansicht/Hauptseiten/_Geschichte.htm
Das Neunkircher Eisenwerk
Der große Unterschied dieses
Werkes zu den anderen besteht nicht nur darin, dass
es sich völlig unabhängig vom Bauerndorf Neunkirchen
auf einer eigenen Grundlage entwickelte, sondern
vor allem in der Tatsache, dass Pächter und Arbeiter
zunächst gar nichts mit Neunkirchen zu tun hatten.
Erst in einer Lohnliste von 1634 sind erstmalig explizit
Neunkirchener, in diesem Fall Fuhrleute, erwähnt,
und erst in den folgenden Jahren arbeiteten hier Leute
aus der Umgebung, so zum Beispiel aus Wiebelskirchen
und Wellesweiler.
Es handelt sich um die älteste Hütte
im saarländischen
Revier, ihre erstmalige urkundliche Erwähnung verweist
auf den Zeitraum des ausgehenden 16. Jahrhunderts.
Zwei markante Ereignis im Verlauf
gilt es zu nennen, die für das Werk sehr einschneidend
waren. Zum einen die restlose Zerstörung von Neunkirchen
und dem Eisenwerk im Dreißigjährigen Krieg,
die durch einen jahrzehntelangen Neuaufbau überwunden
wurde - das Werk stand schneller als das Dorf - und zum anderen die Übernahme des Werkes d urch die Gebrüder Stumm im Jahre 1806, die das Werk und
den Ort in vier Generationen zu ungeahnter Blüte
brachten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als das Werk
im Rahmen der industriellen Revolution schließlich
zu einem Großbetrieb der Schwerindustrie wurde,
wuchsen Bauerndorf Neunkirchen und Eisenwerk zu einer
Einheit zusammen.1926 übernahm
Otto Wolff aus Köln große Aktienanteile am
Eisenwerk.
Im Zweiten Weltkrieg litt das
Werk stark unter alliierten Luftangriffen, besonders
im März 1945.
Nach dem Krieg übernahmen
die Franzosen die Sequesterverwaltung, einer der leitenden
Direktoren wurde Dr. Kurt Schluppkotten. Der Wiederaufbau
verlief schleppend, bis im Jahre 1950 im Beisein von
Johannes Hoffmann
und Gilbert Grandval sowie dessen Gattin der erste
Hochofen wieder angeblasen wurde (Fotos von diesem Ereignis finden Sie hier). Am 13. Oktober 1955
wurde die französische Sequesterverwaltung aufgehoben.
Die einstigen Besitzer, die Fa. Otto Wolff und die Stummerben,
wurden wieder alleinige Inhaber, Dr. Schluppkotten (genannt "de
Schlubbes") blieb Direktor. Er verwaltete das Werk
mit eiserner Hand. Weitere Infos zum NE auf www.neunkirchen.de.
Die beiden Farbfotos (oben: Im Hochofenbereich,
links: Hochofenabstich) sind von Karl-Heinz Janson,
Heusweiler-Dilsburg.
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In den fünfziger Jahren, etwa von 1955 bis 1958, setzte
in der saarländischen Hüttenindustrie sehr
verspätet ein längst fälliger Investitionsanstieg
ein - eine im Vergleich zu anderen Revieren überfällige
aber auch zu späte Entwicklung, die Versäumnisse
der Vergangenheit nicht mehr ausgleichen konnte. Es
reichte nicht mehr aus, um der Investitionsquote eisenschaffender
Industrie in Lothringen, Luxemburg, Nordrhein-Westfalen
und Belgien gleichzukommen.
Dies war der Beginn eines Wandels
in den saarländischen Hüttenwerken, doch unabhängig
von diesem Wandel steuerte die Stahlindustrie zehn Jahre
später durch die beginnende Stahlkrise ihrem endgültigen
Ende entgegen - mit Ausnahme des Werks in Dillingen.
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Literatur:
- Gnad, Franzjosef: Die saarländischen
Hüttenwerke. In: Das Saarland. Ein Beitrag zur
Entwicklung des jüngsten Bundeslandes in Politik,
- Kultur und Wirtschaft. Saarbrücken
1958. S. 573-582.
- Meiser, Gerd: Stahl aus Neunkirchen.
Saarbrücken 1982.
Speziell zur Völklinger Hütte:
In dem Buch: Völklinger Nachkriegsjahre 1945-1956. Teil 2. Völklingen 1998, sind folgende Abschnitte von besonderem Interesse:
- Kunkel, Ernst: Zeittafel zur Völkinger Hütte. S. 5-8.
- Müller, Heinrich: Die Hütte in den Jahren 1945-1956. S. 9-15.
- Becker, Frank: Wem gehört die Hütte? Besitzfragen 1945-56. S. 26-37.
- „Alle Räder stehen still“ – Gewerkschaftsleben und der Streik 1955. S. 38-46.
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