Änderungen der Grenzen des Saarlandes kurz nach dem 2. Weltkrieg
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Die nicht schraffierten, weißen Teile dieser Karte stellen die Fläche des Saargebiets während der Völkerbundszeit (von 1920 bis 1925) dar. Sie war etwa um ein Drittel kleiner als das heutige Saarland. Der südliche Hunsrück, auch Schwarzwälder Hochwald genannt, und der
nordöstliche Saargau zwischen Saar und Mosel gehörten nicht zum Saargebiet. 1946, 1947 und 1949 wurden Teile dieser Gebiete jedoch dem Saarland zugeschlagen. Die fette Linie aus Strichen und Punkte stellt die dadurch entstandene neue Grenze dar. Sie ist identisch mit der des heutigen Saarlands. Die unterschiedlich schraffierten Flächen markieren die einzelnen Gebietsänderungen mit Datumsangabe.
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Es gab drei Wellen von Gebietsänderungen:
In den Jahren 1946 bis 1949 vergrößerte die französische Militärregierung das Areal unseres Landes, indem sie ihm im Norden einen breiten Streifen aus der bis dahin preußischen Provinz Rhein-Hessen-Nassau angliederte. Dadurch wurde der Bereich des späteren Saarlandes um ca. 900 qkm erweitert, und 142 Gemeinden wurden ihm angeschlossen. Obwohl ein Teil dieser Maßnahmen nur zehn Monate
später wieder
rückgängig gemacht werden musste, reicht unser Land seitdem im Westen bis zur Mosel und im Norden bis zu den Höhen des Hochwaldes. Die einzelnen Gebietsveränderungen fanden an drei Terminen statt:
1) 18. Juli / 1. August 1946:
Mit der hier rechts wiedergegebenen Anordnung Nr. 8 des französischen Oberkommandierenden General Koenig
vom 18. Juli 1946 [1] wurden die folgenden Gebiete der Délégation Supérieure de la Sarre (französ. Militärregierung) unterstellt und damit an das Saarland angegliedert:
a) Der vollständige Landkreis Saarburg, mit der Stadt Saarburg und weiteren 70 Orten (siehe rechts unter a). Hierzu gehörten auch die in dem Gebiet zwischen der Mosel (von Nennig bis Perl) und
der
Linie von Weiten über Orscholz und Nohn bis Wehingen-Bethingen liegenden Orte, die bisher ebenfalls Teil des Kreises Saarburg waren und an diesem Tag dem Saarland zugeschlagen wurden.
b) Elf Orte aus dem Kreis Trier-Land (in der Liste rechts unter b); darunter auch Konz (Konz erhielt 1959 Stadtrechte).
c) Der komplette Landkreis Wadern. Alle dazu gehörenden Orte (siehe rechts unter c), darunter z.B. Losheim, Dagstuhl, Wadern, Braunshausen, Nonnweiler, Nunkirchen, Primstal, Otzenhausen, Waldhölzbach und Weiskirchen, wurden jetzt ins Saarland aufgenommen.
d) Achtzehn Gemeinden aus dem Landkreis Birkenfeld, unter ihnen Sötern, Grügelborn, Gonnesweiler, Neunkirchen/ Nahe, Reitscheid, Schwarzenbach, Steinberg-Deckenhardt, Walhausen und Türkismühle (alle Orte: siehe rechts unter d).
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Damit wurde am 1.8.1946 die Einwohnerzahl des bisherigen Saargebiets um 80.000 vergrößert, und unser Land erhielt erst- mals eine gemeinsame Grenze mit Luxemburg (von Nennig bis Perl, über etwa 10 Kilometer). Einige Historiker vermuten, dass die Franzosen mit der Ausweitung des Saarlandes bis zur luxemburgischen Grenze den direkten Zugang der Deutschen zur französischen Grenze über
den schmalen Korridor zwischen Nennig und Perl versperren wollten. [2]
Ihr Hauptgrund für die Erweiterung der Fläche des Saarlandes um einige zusätzliche ländliche Bezirke war aber, dass sie die Ernährungslage in dem landwirtschaftlich unterversorgten Industriegebiet verbessern und gleichzeitig das Einzugsgebiet für Arbeiter auf den Gruben
und Hütten vergrößern wollten.
2) 6. Juni / 20. Juni 1947:
Die übrigen Alliierten protestierten gegen diese eigenmächtigen Grenzziehungen, die in ihren Augen zu umfangreich waren, und so musste Frankreich nach zehn Monaten einen Teil von ihnen rückgängig machen.
a) Die Verordnung Nr.93 des Commandement en Chef Français en Allemagne [3] legte fest, dass diejenigen 50 Gemeinden des Kreises Saarburg wieder aus dem Saargebiet ausgegliedert wurden, die nördlich der heutigen Grenze des Saarlandes lagen (auch Saarburg selbst). (Lesen Sie dazu bitte weiter unten den "Zusatz zu 2a"!) Sie wurden nun dem Land Rheinland-Pfalz zugeschlagen, das am 30. August 1946 gegründet worden war.
Der Korridor entlang der luxemburgischen Grenze verblieb aber beim Saarland, und damit folgende Gemeinden: Besch, Borg, Büschdorf, Eft-Hellendorf, Faha, Münzingen, Nennig, Nohn, Oberleuken, Oberperl, Orscholz, Perl, Rommelfangen, Sehn- dorf, Sinz, Tettingen-Butzdorf, Tünsdorf, Wehingen-Bethingen, Weiten, Wochern.
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b) Dagegen wurde auch der erst 1946 erfolgte Anschluss von elf Gemeinden des Kreises Trier-Land (siehe rechts oben unter b) wieder rückgängig gemacht. Damit wurden insgesamt 61 Gemeinden wieder aus dem Saarland herausgelöst und an Rheinland-Pfalz angeschlossen.
c) Im Nordosten wurden nun aber noch zusätzlich dreizehn Gemeinden der Landkreise Kusel und Birkenfeld dem Saarland zugeschlagen. Als Begründung führte man an, dass ihre Einwohner überwiegend im Saarland, hauptsächlich im Bergbau, beschäftigt waren.
Im Kreis Birkenfeld betraf es die Orte Asweiler-Eitzweiler, Freisen, Haupersweiler, Nohfelden, Oberkirchen, Schwarzerden und Wolfersweiler. Der Landkreis Birkenfeld verlor durch die Maßnahmen der Besatzungsbehörden in den Jahren 1946 und 47 insgesamt 25 Gemeinden mit 17184 Einwohnern; das waren 19 Prozent der Bevölkerung und 24 Prozent der Gesamtfläche des Kreises.
Aus dem Kreis Kusel wurden damals folgende Orte herausgelöst und an das Saarland angeschlossen: Osterbrücken, Hoof, Marth, Saal, Niederkirchen und Bubach. Sie liegen alle im oder am Ostertal und sind heute Stadtteile von St. Wendel. Eine besondere Maßnahme
erfuhr der Ort Selchenbach. Er selbst verblieb zwar bei Rheinland-Pfalz (und wurde ans Amt Konken angeschlossen), aber im Süden der Gemeinde lösten die Franzosen zur großen Überraschung und gegen den Willen der Selchenbacher Bürger den 279 Hektar großen Königreicher Hof heraus und gliederten ihn in den Ort Marth ein [4], der kurze Zeit später saarländisch wurde. Über die Vorgehensweise
der französischen Behörden bei dieser Aktion lesen Sie bitte unten im ANHANG den "Zusatz zu 2c)", und zu volkstümlichen Vermutungen über die Gründe für diese Maßnahme unter "Gerüchteküche 2".
3) 8. März / 23. April 1949
Eine letzte Grenzberichtigung erfolgte am 8. März 1949 durch den Anschluss der bis dahin pfälzischen Gemeinde Kirrberg bei Homburg an das Saarland. Hierzu wurde in dem Gesetz betreffend Einführung der saarländischen Gesetzgebung in den eingegliederten Gebieten vom 22. April 1949 im Artikel 1 bestimmt, dass die "zum Saarland kommenden
Gebiete, und zwar die Gemeinde Kirrberg (...) verwaltungsmäßig dem Kreise Homburg eingegliedert werden" [5]. Die Zollschranken zwischen Kirrberg und Homburg gingen am 23. April 1949 um 12 Uhr hoch [6].
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Aus der Gerüchteküche (1):
Nachdem 1949 die Gemeinde Kirrberg ans Saarland angeschlossen wurde - niemand wusste so recht, warum - verbreitete sich das Gerücht, Johannes Hoffmann habe diese letzte Gebietserweiterung veranlasst, weil er eine "gute Bekannte" in Kirrberg hatte und so zu ihr fahren konnte, ohne die Grenze passieren zu müssen. Quelle: Eine ältere
Saarländerin,
2010. Sie schwört Stein und Bein, das habe damals im Saarland "fast jeder gewusst".
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Die Fläche unseres Landes nach den verschiedenen Gebietsänderungen
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während der Völkerbundszeit (1920 - 1935):
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1925 qkm (Quadratkilometer)
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Juli 1946 (nach der Eingliederung von 142 Gemeinden):
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2866 qkm (+ 941 qkm)
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Juni 1947 (nach dem Abzug von 62 Gemeinden):
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2559 qkm (- 307 qkm)
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Seit März 1949 (nach der Eingliederung von Kirrberg):
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2567 qkm (+ 8 qkm; 642 mehr als 1945)
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ANHANG zu Saarburg und zum Königreicher Hof:
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Zusatz zu 2a) - Saarburg:
Wie das nebenstehende Foto zeigt, war die Bevölkerung von Saarburg und Umgebung nicht einverstanden mit der Rückgliederung ihrer Gemeinden an Rheinland-Pfalz. Sie protestierten dagegen und forderten den Verbleib beim Saarland, weil sie in den zehn Monaten mitbekommen hatten, dass die wirtschaftliche
Lage dort besser war als in den anderen französisch besetzten Gebieten. (Lesen Sie hierzu auch auf der Seite Saar-Geld im Abschnitt B!). Die Zoll- und Währungs-Union der Saar mit Frankreich war ja schon beschlossene Sache.
Der Schriftzug "Kreis Saarburg zum Saarland!!!" war übrigens nicht an eine Ufermauer gepinselt worden, sondern an die Seitenwand eines Schiffes. So konnte er auf der Saar durch die ganze Gegend gefahren werden.
(Mitteilung unseres Treidelschiff-Experten Jean Kind) Foto: Landesarchiv Saarbr
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Zusatz zu 2c) - Überraschende Abtrennung des Königreicher Hofes von Selchenbach und sein Anschluss an das Saarland
In dem Buch "Selchenbach. 1262 - 2012. 750 Jahre Ersterwähnung" lesen wir:
"Wie ging die Abtrennung des Hofes nun in der Praxis vor sich? 'Da war vorher nichts bekannt', berichtete Otto Harth aus Selchenbach, 'plötz- lich gehörte der Hof nicht mehr zum Dorf.' Robert Daniel aus Selchenbach befand sich am Tage nach der Abtrennung der Ostertalgemeinden, also am 25.06.1947, auf dem Feld nahe dem Königreicher Hof. Plötzlich
sah er vor dem Hof einen französischen Jeep auffahren, mit mehreren Soldaten und aufgepflanztem Maschinengewehr. Der Jeep fuhr an der Grenze zwischen dem Hof und dem Dorf Patrouille. Dies war wohl die praktische Besitzergreifung durch das Saarland. Wahrscheinlich hatten die Militärbehörden oder auch saarländische Stellen Widerstands- handlungen durch Selchenbacher Bürger befürchtet und die Abtrennung auf diese Weise gesichert.
Robert Daniel, der beim Landratsamt Kusel beschäftigt war, meldete diesen Vorgang sofort seinem Vorgesetzten, Landrat Henrich. Dieser war von der Mitteilung sichtlich überrascht und begab sich am nächsten Tag zwecks Aufklärung zur französischen Kommandantur in Kusel, wurde dort aber vom Kommandanten Lefèvre ohne größere Umstände sofort wieder hinauskomplimentiert. So waren damals die Kompetenzen verteilt." [7]
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Aus der Gerüchteküche (2):
Ein ähnliches Gerücht wie in Kirrberg (s. oben, Gerüchteküche 1) hatte sich schon ein Jahr zuvor im Ostertal ausgebreitet, als der Königreicher Hof aus Selchenbach ausgegliedert und ans Saarland angeschlossen wurde (siehe oben unter 2c). Der Besitzer des Hofes war 1944 gestorben. Der Volksmund wusste später zu berichten, dass seine Frau und Erbin nach dem Krieg die Bekanntschaft Johannes Hoffmanns gemacht und dieser sie danach häufig dort besucht habe. Zum Beispiel erzählt die Tochter eines früheren Schneiders in St. Wendel noch heute (Januar 2012), dass sie selbst miterlebt habe, wie JoHo bei ihrem Vater persönlich die Anfertigung eines Kostüms für die Besitzerin des Königreicher Hofs in Auftrag gegeben und mit
einem großen Schinken bezahlt habe. Er sei auch bei den Anproben im Schneideratelier höchstselbst zugegen gewesen. Aus dieser "Bekanntschaft" JoHos entstand ein weiteres Gerücht: Er habe dafür gesorgt, dass der Hof dem Saarland zugeschlagen wurde, weil er dann bei seinen Besuchen nicht mehr über die Grenze hätte fahren müssen. Dem steht aber entgegen, dass die Verordnung Nr. 93, mit der die Ostertalgemeinden zum
Saarland kamen, von General König am 06.06.1947 unterzeichnet wurde, wogegen die
Verfügung Nr. 214, die die Abtrennung des Königreicher Hofes von Selchenbach
beinhaltete, schon am 30.05.1947, also eine Woche früher, ausgefertigt
worden war.
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Fußnoten:
[1] Amtsblatt des Regierungspräsidiums Saar 1946, Nr. 32, Seite 131 f.
[2] Siehe dazu die Website GR-Atlas GA073 1946: Saarburg, Wadern:
http://geo.uni.lu/joomla/index.php?option=com_content&task=view&id=1499&Itemid=347
[3] Verordnung Nr. 93 betreffend Neuorganisation der Verwaltung der Rheinpfalz und des Saargebiets mit Wirkung vom 8. Juni 1947. Journal Officiel
du Commandement en Chef Français en Allemagne, Année 3 (1947), No. 77, Seite 765 f.
[4] Verfügung Nr. 214 betreffend Gebietsveränderungen der Gemeinden Selchenbach und Marth vom 30. Mai 1947. Journal Officiel du
Commandement en Chef Français en Allemagne, Année 3 (1947), No. 77, Seite 767.
[5] Amtsblatt des Saarlandes Nr. 26 (S) - 1949 vom 23. April. Seite 377.
[6] Saarbrücker Zeitung Nr. 94 vom 23.4.1999, S. L5.
[7] Kirsch, Hans. Zimmer, Klaus. Kirsch, Marianne. Selchenbach 1262 - 2012. 750 Jahre Ersterwähnung. Selchenbach, 2012. S. 76 f.
Quellen und Literatur:
Altmeyer, Klaus. Drei Jahre Militärregierung im Saarland (1945-1947). Der Weg zum wirtschaftlichen Anschluss. In: Zeitschrift für die
Geschichte der Saargegend. Historischer Verein für die Saargegend e.V. 50./51. Jahrgang 2002/2003.
Fischer, P. Die Saar zwischen Deutschland und Frankreich. Politische Entwicklung von 1945-1959. Alfred Metzner Verlag, Frankfurt am
Main. 1959.
Petry,
L. Der Saar- und Moselraum im geschichtlichen Wechsel der Grenz- und Binnenlage. In: Kreisverwaltung Saarburg (Hrsg.). Heimatbuch des Kreises Saarburg. Saarburg.1966. Seiten 5 bis 14.
Adolf Blind. Unruhige Jahre an der Saar 1947 bis 1957. Band II. Frankfurt 1996. Seite 30.
Schleiden, Karl-August. Vom Waffenstillstand 1945 über Autonomie zum Bundesland. In: Staerk, Dieter (Hrsg.). Das Saarlandbuch.
Saarbrücken 1981. 5. neu bearbeitete Auflage 1990. Seiten 232 ff.
Saarlandkarte, gezeichnet 1954 von Fritz Ludwig Schmidt (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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