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(Foto: R. Freyer)

Der Tag X (6. Juli 1959):

Wirtschaftlicher Anschluss an Deutschland

Der Tag, an dem die D-Mark ins Saarland kam

 

(Foto: L.A.Sbr., Bildersammlg.)



   

Das Wichtigste vorweg - offizieller Umtauschkurs:  Für 100 Francs erhielt man 0,8507 DM, oder: 1 DM "kostete" etwa 117 Francs.
 

Im Artikel 1 des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Französischen Republik zur Regelung der Saarfrage vom 27.10. 1956 (Luxemburger Saarvertrag) hatte sich Frankreich damit einverstanden erklärt, dass sich der Anwendungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland vom 1. Januar 1957 an auch auf das Saarland erstrecken sollte. So war an diesem Tag der politische Beitritt erfolgt: Das Saarland wurde zum zehnten Land der Bundesrepublik Deutschland (oder zum elften, wenn man West-Berlin mitzählt: Erläuterung dazu siehe hier.) - Einzelheiten zur politischen Angliederung lesen Sie auf der Seite Ergebnisse und Folgen. Den vollständigen Wortlaut des Saarvertrages finden Sie unter http://www.verfassungen.de/de/saar/vertrag56.htm.

 

Der "wirtschaftliche Anschluss" an die Bundesrepublik erfolgte erst gut zweieinhalb Jahre nach der politischen Eingliederung. Am so genannten "Tag X" wurde die Grenze zwischen dem Saarland und Rheinland-Pfalz wieder geöffnet, und die D-Mark wurde im Saarland als Währung eingeführt.

 

 

a) Die Übergangszeit zwischen der politischen und der wirtschaftlichen Angliederung (1957 bis 1959)

  

 

In dem genannten Saarvertrag war eine höchstens dreijährige Übergangszeit vorgesehen, während der das Saarland und Frankreich weiterhin ein einheitliches Wirtschafts-, Währungs- und Zollgebiet bildeten. Diese Übergangszeit sollte zur Vorbereitung des wirtschaftlichen Anschlusses der Saar an Deutschland dienen und spätestens am 31. Dezember 1959 enden. Das Kuriosum dieser Zeit war, dass die Menschen im Saarland jetzt zwar deutsche Staatsbürger waren und bundesdeutsche Pässe besaßen, die Waren in den Geschäften und Kaufhäusern sowie Rechnungen und Dienstleistungen aber nach wie vor mit französischen Franken bezahlten. Es war also tatsächlich so, dass in einem Teil Deutschlands französisches Geld die gültige Währung darstellte. Außerdem mussten im Saarland für viele bundesdeutsche Erzeugnisse immer noch Einfuhrzölle entrichtet werden - obwohl es ja eigentlich schon deutsches "Inland" war, - während französische Produkte weiterhin zollfrei eingeführt werden konnten. Auch die französischen Wirtschaftsgesetze behielten weiterhin Gültigkeit an der Saar, aber man begann allmählich schon damit, den wirtschaftlichen Austausch zwischen dem Saarland und der restlichen BRD zu erleichtern.

 

Während dieser Übergangszeit wurde die Anpassung der französisch ausgerichteten Saarwirtschaft an die liberale Marktwirtschaft der Bundesrepublik vorbereitet. Dafür notwendige gesetzliche Maßnahmen mussten eingeleitet werden. Das Bundeskabinett verabschiedete einige wichtige Saargesetze, die Bundestag und Bundesrat billigten, und in Frankreich und im Saarland wurden ebenfalls rechtliche Vorkehrungen getroffen. Auch die Lohnkosten und das Sozialgefüge mussten an die bundesdeutschen Gegebenheiten angepasst werden.

 

Im Saarvertrag war festgeschrieben, dass das genaue Datum der Beendigung dieses Interimszeitraums von den Regierungen der beiden Staaten im gegenseitigen Einver- nehmen festgelegt und bekanntgegeben werden sollte. Es wurde allgemein erwartet, dass dieser Tag auf einen Ter- min vor dem 31.12.1959 festgesetzt werden würde. Das genaue Datum lag aber vollkommen im Dunkeln. Aus diesem Grund wurde der mit Spannung erwartete Tag in der Bevölkerung als "Tag X" bezeichnet.  

 

 

 

b) Wann kommt endlich die lang ersehnte D-Mark?

 

 

Je länger die Übergangszeit dauerte, umso ungeduldiger wurden die Saarländer, die endlich auch in ihrem Land zollfrei deutsche Waren mit deutscher Währung kaufen wollten. Sie warteten sehnsüchtig darauf, die "Früchte" des deutschen Wirtschaftswunders auch an der Saar genießen zu können. Deutsche Produkte versprachen gute Qualität, französische dagegen hielt man für eher minderwertig. Außerdem verlor der Franken durch die fortschreitende Inflation immer mehr an Wert, und deshalb wünschte man sich eine baldige Loslösung aus seinem Wirtschaftsbereich.

 

Um besser disponieren zu können, forderte die Saarwirtschaft, dass der "Tag X" rechtzeitig bekanntgegeben werde. Vieles deutete aber darauf hin, dass die Franzosen diesem Wunsche nicht entsprechen würden. Und tatsächlich erfolgte die Bekanntgabe erst ganz kurz vor dem Termin selbst, wohl um Spekulanten keine Chance auf einen Vorsprung zu geben. Allerdings kann man vermuten, dass in manchen Kreisen das Da- tum "inoffiziell" doch schon einige Zeit vorher bekannt war. Mit Kurierpost war am Donnerstag (2. Juli) in der Saarbrücker Staatskanzlei ein als geheim gekennzeichnetes Schreiben des französischen Außenministeriums eingegangen, in dem das Datum und die Uhrzeit der Umstellung mitgeteilt wurden. Die Veröffentlichung erfolgte aber erst zwei Tage später. In den Zeitungen häuften sich bis dahin die Gerüchte um den Termin.

 

Am Samstag, dem 4. Juli 1959, um 10:30 Uhr war es dann so weit. Radio Saarbrücken sendete eine kurze Ansprache des Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard. Danach verkündete Ministerpräsident Dr. F. J. Röder in einer live übertragenen Pressekonferenz offiziell den Zeitpunkt:

Die Umstellung sollte am Montag, den 6. Juli 1959, um 0:00 Uhr stattfinden.

 

Die Bekanntgabe erfolgte also weniger als zwei Tage vor dem eigentlichen Termin. Dies war so kurzfristig (und zudem an einem Samstag), dass die meisten Blätter erst am Montag darüber berichten konnten. Die Saarbrücker Zeitung schrieb in ihrer regulären Samstagsausgabe nur, es sei "mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit" anzunehmen, dass der Termin noch im Laufe des Tages bekanntgegeben werde. In eilig gedruckten und am Samstag Nachmittag kostenlos verteilten Sonderblättern einiger Zeitungen konnte man vorab die wichtige Neuigkeit lesen. Erstaunlicherweise titelte allerdings die in Homburg erscheinende "Westpfälzische Rundschau" bereits an diesem 4. Juli in ihrer regulären Samstagsausgabe:

"Bonn: Am Sonntag um 24 Uhr. Einzelheiten der Saar-Rückgliederung werden heute amtlich über den Rundfunk bekanntgegeben." Niemand weiß, wie die Redaktion an diese Information gekommen war, oder ob sie vielleicht nur gewagt hatte, eine Vorausahnung als echte Nachricht zu veröffentlichen.

In den meistenTageszeitungen erschien diese Meldung erst am Montag, 6. Juni 1959 (hier ein Auszug aus der "Allgemeinen Zeitung").

 

Die ursprünglich auf maximal drei Jahre angesetzte Übergangszeit war also - wie allgemein erwartet - abgekürzt worden, und zwar ziemlich genau um ein halbes Jahr. Damit hatte sie nur 30 Monate (oder 916 Tage) gedauert.

 

Wenn auch das exakte Datum vorher nicht publik gemacht worden war, so hatten sich doch alle am Geldumtausch beteiligten Stellen gut darauf vorbereitet, und die notwendigen Vorkehrungen konnten kurzfristig getroffen werden. Nun überstürzten sich die Ereignisse. Am frühen Sonntag Morgen (5. Juli 1959) wurde in etwa 100 Fahrzeugen des Bundesgrenzschutzes deutsches Geld in Höhe von fast 580 Millionen DM ins Saarland gebracht. Die gesamte Aktion der Währungsumstellung wurde von einem international besetzten "Paritätischen Währungsausschuss" beaufsichtigt. Die Deutsche Bundesbank war für die Belieferung der 659 Umtauschstellen im Land mit dem neuen Geld verantwortlich. Der Großtransport der D-Mark lief unter dem Tarnnamen "Mairegen" und wurde vom Bundesgrenzschutz bewacht. Dieser hatte auf dem Saarbrücker Messegelände mit 500 Mann Quartier bezogen.

 

Einzelheiten zu den Aktivitäten des Bundesgrenzschutzes am Tag X im Saarland können Sie in einem Artikel des Göttinger Tageblatts vom 7. Juli 2009 nachlesen, den Sie ganz unten auf dieser Seite finden!

 

 

Am Montag, 6. Juli, konnte man auf der Titelseite der Saaarbrücker Zeitung lesen:

 

 

"Als gestern morgen die Saarländer an den Zufahrtsstraßen von der Bundesrepublik her sich den Schlaf aus den Augen rieben, gewahrten sie, wenn sie Glück hatten, ein "militärisches" Schauspiel: Gegen halb 7 sind über 20 Fahrzeuge des Bundesgrenzschutzes, beladen mit Säcken voll DM über die Saargrenze bei Homburg gerollt. Schwer bewaffnete Grenzschutzbeamte, mit Maschinenpistolen ausgerüstete Motorradfahrer, Funkstreifenwagen und Kommandofahrzeuge sicherten die von saarländischen Polizisten durch das Land gelotsten Transporte zu den über 500 Umtauschstellen. Vielerorts lautete der Weckruf gestern morgen nicht wie sonst "Aufstehen, Kaffee trinken!", sondern "Die DM ist da!"Auch über die anderen Übergänge kamen etwa um die gleiche Zeit vom Grenzschutz gesicherte Geldtransporte, die rund 580 Millionen DM in das Saarland brachten. Aus Karlsruhe, Landau, Neustadt und Pirmasens kamen die Transporte, die bei Einöd über die Grenze gingen. Alle Straßen waren polizeilich gesichert, sogar in der Luft schwebten drei Hubschrauber, deren Piloten die Konvois ständig im Auge behielten." (SZ-Text)

 

Fotos von den Geldtransporten:

 

   

 

Über zwanzig Fahrzeuge des Bundesgrenzschutzes bringen am 5. Juli 1959 die D-Mark ins Saarland. Bewaffnete Polizei- und Grenzschutzbeamte überwachen das Abladen der Geldsäcke, hier vor der Zweigstelle St. Ingbert der Rediskontbank. (Fotos: Gerd Schulthess)

 

 

Bei der Zweigstelle Dudweiler der Kreissparkasse Saarbrücken und bei der Volksbank Dudweiler werden die D-Mark-Säcke abgeladen.

Rechts neben der Bank ist das Kino NHT (Nassauer-Hof-Theater) zu sehen. Mehr dazu auf unserer Kino-Seite. (Fotos: Bildarchiv der Bezirksverwaltung Dudweiler)

 

Die meisten Beschäftigten der Banken und Sparkassen hätten die- sen Sonntag sicher viel lieber im Freibad verbracht, denn es war ein wirklich "heißer" Sonntag mit Temperaturen über 30 Grad. Aber sie mussten zur Arbeit gehen, Geldsendungen in Empfang nehmen und Vorbereitungen zum Geldumtausch treffen.

 

Auch in den Geschäften und Kaufhäusern wurde an diesem Sonntag gearbeitet, denn man musste sämtliche Preise an den Waren in den Regalen und Schaufenstern auf die neue Währung umstellen. 

 

Am Nachmittag konnten manche Saarländer sehen, wie am Himmel plötzlich Düsenjäger auftauchten und mit ihren Kondensstreifen ein großes X in die Luft zeichneten. Zwei Zeitzeugen berichteten uns unabhängig voneinander darüber. Näheres ist bisher nicht bekannt. (Wissen Sie etwas darüber? >Kontakt.)

 

 

 

Bild rechts: Auf den Banken wird der Empfang der erhaltenen Geldsäcke quittiert. (Foto: Landesarchiv Saarbrücken, Oettinger.)

 

 

c) Sonntagnacht, 5. Juli 1959, 24 Uhr: Es ist so weit!

 

 

 

Am Grenzübergang Eichelscheid haben sich in dieser Nacht Tausende von Menschen eingefunden. Radio Saarbrücken berichtet live. Um Punkt 24 Uhr klettert Ministerpräsident Dr. Franz-Josef Röder auf einen Pfosten des Schlagbaums und hält eine kurze Ansprache:

 

"Meine lieben Landsleute! In diesem Augenblick fällt die letzte Schranke, die uns noch von dem übrigen Bundesgebiet getrennt hat. Damit ist auch das Saarland uneingeschränkt ein deutsches Bundesland geworden." Als Antwort erschallte ein vielstimmiges "Bravo!" aus der Menge.

Anhören: kurz (nur F.J.Röder) > /   lang (mit Reporter) > 

 

In dieser Nacht wurde nach 12½ Jahren die Abtrennung des Saarlands vom deutschen Wirtschaftsraum beendet - zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert.

Foto rechts: Ein brüderlicher Handschlag zwischen saarländischen Grenzpolizisten und französischen Zollbeamten beim Öffnen des Schlagbaums in der Nacht vom 5. auf den 6.7.1959.

(Fotos: Landesarchiv Saarbrücken, Julius C. Schmidt bzw. Presse Foto Actuelle. Die Tondokumente sind aus der Tonband-Sammlung von Gerd Schulthess, St. Ingbert.)

 

 

d) "Made in Germany" und das deutsche Wirtschaftswunder fallen ins Saarland ein

 

 

 

Im Laufe des Sonntags begannen zahlreiche Händler und Ver- treter aus der Bundesrepublik damit, eine regelrechte Invasion des Saarlands vorzubereiten. Sie fuhren mit vollgeladenen Liefer- und Lastwagen zu den Grenzübergängen und bildeten dort vor den Schlagbäumen endlos lange Kolonnen, die sich z.B. von Eichelscheid bis in den Ort Bruchmühlbach hinein stauten. Alle warteten ungeduldig auf den Glockenschlag um 24 Uhr, der die Straßen zum "Aufbruch" ins Saarland freigeben würde. Geladen hatten sie all das, was sie endlich zollfrei den Saarländern anbieten wollten, all die begehrten Waren, auf die diese bisher verzichten mussten, weil sie wegen der Einfuhr- zölle zu teuer waren: Radios und Fernsehgeräte, Kühlschränke (damals nannte man sie noch "Eisschränke"), Fahrräder, Motorräder und Zubehörteile, Möbel u.v.m. Auch auf saarländischer Seite bildeten sich LKW-Schlangen mit Produkten der Eisen- und Stahlindustrie für Empfänger in Deutschland.

 

Der Rheinische Merkur schrieb am folgenden Tag, etwa 2000 LKW hätten in jener Nacht an den verschiedenen Grenzübergängen gewartet. Die SZ berichtete am 7. Juli, dass am Montag von Mitternacht an fast ununterbrochen LKW und Lieferwagen aus der BRD über die (nicht mehr vorhandene) Grenze an die Saar gerollt seien. Bis Montagmittag hätten nach Angaben des Innenministeriums bereits mehr als 2500 LKW die sechs größten ehemaligen Grenzübergänge zwischen der Saar und Rheinland-Pfalz passiert. In Saarbrücken und einigen anderen Gemeinden sei schon vor 7 Uhr morgens mit dem Entladen der Wagen begonnen worden.

 

 

 

Foto: Hans Dechent (links) und Udo Voigt steuern kurz nach Mitternacht am Tag X den ersten Opel Rekord über die jetzt offene Grenze ins Saarland.                  (Foto: Autohaus Dechent)

 

 

Hagen Rupp aus Limbach bei Kirkel berichtet:

 

"Dieses Bild wurde am Tag X, genau um Mitternacht, am damaligen Grenzübergang Zweibrücken-Einöd aufgenommen. Es zeigt das erste Fahrzeug, das nach Entfernung des Schlagbaums die "Grenze" überquerte. Am Steuer Oskar Grub, Gründer des Möbelhauses Grub in Limbach bei Homburg. Auf dem Trittbrett Herbert Paulus, mein inzwischen 80-jähriger Onkel, der damals beim Möbeltransport geholfen hat. Die Möbel waren in der Pfalz bereitgelegt und wurden dann zur Grenze gebracht, wo man vor dem Schlagbaum wartete, bis dieser um Mitternacht aufging und die Möbel erstmals ohne Formalitäten ins Saarland verbracht werden konnten." 

(Foto: Hagen Rupp)    

 

Informationen über den Fahrzeugtyp Tempo Matador sind auf der Seite Nutzfahrzeuge (ganz unten). 

 

 

e) Eine Grenze wird abgebaut, eine andere wird eingerichtet

 

 

 

 

 

 

 

In der Nacht vom Sonntag (5. Juli) auf Montag (6. Juli) wurde die Grenze zwischen dem Saarland und Rheinland-Pfalz wieder für den ungehinderten Personen- und Warenverkehr geöffnet. Gleichzeitig baute man die alte Grenze zwischen dem Saarland und Frankreich wieder auf. Die Grenzstationen wurden also praktisch nur von der einen zur anderen Grenze verschoben.

 

 

Dabei wurden die Zollbeamten nicht etwa arbeitslos, sie verlegten nur ihre Arbeitsstätte um einige km zur anderen Seite des Saarlandes. Schon im Laufe des Sonntags fuhren die ersten Möbelwagen umziehender Zolldienststellen durch das Land, deutsche z.B. von Zweibrücken nach Großrosseln und französische von Einöd nach Forbach.

 

Die Kontrollstellen an der Grenze nach Frankreich übernahm auf deutscher Seite der Bundesgrenzschutz, der zunächst nur provisorische Abfertigungsstellen einrichtete. Von den neuen festen Zollhäusern standen anfangs meist nur die Fundamente. Bis zu ihrer Fertigstellung verrichteten die Zöllner ihren Dienst häufig in Omnibussen, die zu Bürowagen umgebaut worden waren.

(Foto aus: Dieter Staerk, Das Saarlandbuch. Saarbrücken 1990. S. 243.)

 

 

f) Beginn des Geldumtausches: am Tag X um 10 Uhr

 

  

Schlangen von Umtauschwilligen in einem Saarbrücker Kreditinstitut.    

(Foto: Landesarchiv Saarbrücken, Bildersammlung)      

   Hinweistafeln standen schon am Sonntag auf den    Bürgersteigen. (Foto: Gerd Schulthess, St. Ingbert.)

 

Das lange erwartete deutsche Geld konnten die Saarländer (und nur diese waren dazu berechtigt) vom darauffolgenden Tag an (Montag, 6.7.59) ab 10 Uhr vormittags bei den Banken und Wechselstuben gegen ihre französischen (und saarländischen) Franken eintauschen, und zwar zum offiziellen Kurs von

100 : 0,8507. Das bedeutete:

 

Für 100 Franken erhielt man 0,8507 DM,

oder: 1 DM "kostete" etwa 117 Francs.

 

An zahlreichen Orten wurden Sonderschalter eingerichtet und Gaststätten in provisorische Bankschalter umgewandelt. Vor den Wechselstellen und Banken bildeten sich am frühen Montagmorgen lange Schlangen, die aber in den Nachmittagsstunden meist wieder schrumpften. Mancherorts gingen die D-Mark-Vorräte bereits im Laufe des ersten Tages zur Neige, sodass man auf Nachschub warten musste.

 

               

 

 

In den ersten Tagen wurden nur Geldscheine und 100-Franken-Stücke zum Umtausch angenommen, erst danach auch die kleineren Münzen. Der Bar-Umtausch war zunächst auf 50.000 frs. pro Person beschränkt; wer mehr umtauschen wollte, bekam den darüber hinausgehenden Betrag auf ein Namenskonto gutgeschrieben, über das aber sofort verfügt werden konnte. Da die meisten Saarländer damals noch kein eigenes Bankkonto besaßen, mussten zahlreiche Sonderkonten eingerichtet werden, was für die Angestellten der Kreditinstitute viel zusätzliche Arbeit bedeutete.

 

Die Umstellung der Guthaben, die sich auf privaten Kundenkonten bei Banken und Sparkassen befanden, erfolgte zum Währungsstichtag in voller Höhe und ebenfalls auf der Basis des offiziellen Wechselkurses. Dies galt im Normalfall auch für die Sparguthaben der Saarländer. Es gab allerdings eine kleine lukrative Variante: Die saarländischen Banken hatten im Laufe der Übergangszeit einen massiven Abfluss von Spareinlagen festgestellt. Wegen des fortschreitenden Wertverlusts des französischen Franken gegenüber den anderen internationalen Währungen hatten sich viele Saarländer um die Erhaltung der Kaufkraft ihrer Ersparnisse gesorgt und diese deshalb schon lange vor dem erwarteten Tag X in grenznahen deutschen Städten in "harte" D-Mark umgetauscht und auf neu eröffneten Sparkonten bei den dortigen Sparkassen angelegt.

 

Der bundesdeutsche Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatte sich ein wirksames Verfahren ausgedacht, um diesem unerwünschten Trend entgegenzuwirken: Er versprach den saarländischen Sparern, dass sie für ihre Sparguthaben am Tag X einen günstigeren Umrechnungskurs erhalten würden, nämlich nicht nur 0,85 DM, sondern 1 DM für 100 Frs. Er galt aber nur für diejenigen Sparbeträge, die sie bereits vor dem 19. Dezember 1958 bei einem saarländischen Kreditinstitut angelegt und bis zum Tag X dort belassen hatten. Mit diesem "Geschenk" sollten die ängstlichen saarländischen Sparer beruhigt werden. Am 30. Juni 1959 erfolgte die Bestätigung dieses Verfahrens durch den Deutschen Bundestag mit dem "Gesetz zur Sicherung von Ersparnissen" (BGBl. 1, Seite 367).

 

Auch Geschäftsguthaben wurden am Tag X zu einem günstigeren Kurs umgetauscht: Für 100 Frs. gab es 0,95 DM, bei einigen Banken sogar 1,00 DM. Daher kann man festhalten, dass der ungünstigere Wechselkurs von 100 zu 0,8507 eigentlich nur für Guthaben auf privaten Bankkonten galt sowie für Bargeld, das die Leute zu Hause oder im Geldbeutel hatten.

 

Bild rechts oben: Umrechnungstabellen nach dem offiziellen Kurs wurden in den Zeitungen veröffentlicht und für wenige Pfennige in kleinen Broschüren z.B. an Zeitungskiosken verkauft.

 

Zu der Anzeige links: Manche Firmen hatten Kunden vor dem Tag X mit dem verlockenden Angebot geködert, noch in Frankenwährung Anzahlungen auf Gegenstände zu leisten, die sie sich dann nach der Währungsumstellung aus dem neuen Angebot von Waren aussuchen konnten. Dafür sollte der günstigere Kurs von 1:100 angewandt werden (also 1 DM für 100 Franken).

 

 

Der gesamte Geldumtausch war 10 Tage nach dem Tag X abgeschlossen und verlief ohne organisatorische Probleme.

 

 

g) Was geschah mit den umgetauschten

Franken aus dem Saarland?

 

Insgesamt wurden von den Umtauschstellen 30.498.000.000 (fast 30,5 Milliarden) Francs in knapp 260 Millionen DM umgetauscht (in anderen Berichten wird von 578 Millionen umgetauschten DM gesprochen). Die eingesammelten französischen Francs und Saar-Franken wurden zunächst in der Zweigstelle St. Ingbert der Landeszentralbank gesammelt.

 

Später wurde dieses Geld gemäß den Vereinbarungen im Luxemburger Saarvertrag an die Banque de France in Paris abgeführt. Dieser Betrag stellte einen Teil der Zahlungen der BRD an Frankreich aus Anlass der Rückgliederung der Saar dar.

 

Foto: In saarländischen Polizeifahrzeugen wurden die Francs zur französischen Grenze gebracht und von dort mit dem Zug nach Paris. (Landesarchiv Sbr., Julius C. Schmidt)

  

 

h) Nach der Vorfreude auf die DM kam die Ernüchterung: negative Folgen für Arbeitnehmer

 

 

1) Zahlreiche Preiserhöhungen nach dem Tag X

 

Wie die folgenden Bilder zeigen, wurde in vielen Schaufenstern der Geschäfte versichert, dass man die Preise der Waren fair und nach dem offiziellen Wechselkurs umrechnen würde, und meistens wurde auch tatsächlich der korrekte Umrechnungskurs angewandt.

 

Aber das war leider nicht überall so: Viele Kaufleute, Kaufhäuser und Gaststätten nutzten die Gunst der Stunde und rechneten ihre Preise nicht zum offiziellen Kurs (100:0,85) um, sondern einfach zum Kurs 100:1. Das heißt, was vorher 100 Franken gekostet hatte, kostete jetzt 1 DM (statt "ehrlicher" 85 Pfennig), und dies kam einer heimlichen Preiserhöhung von fast 18 Prozent gleich. Der schlechtere Kurs wurde sogar für staatliche Dienstleistungen angewandt, beispielsweise bei den Fahrpreisen der Eisenbahn (die Tarife der Bundesbahn für den Berufsverkehr waren höher als die im Saarland) und der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe, sowie bei den Posttarifen.

 

Hinzu kam, dass die Mehrzahl der Grundnahrungsmittel vorher im Saarstaat genauso wie im übrigen französischen Wirtschaftsraum subventioniert und zusätzlich geringer besteuert worden waren. Nach der Rückgliederung fielen diese Vergünstigungen weg, und die Preise für Brot, Mehl, Zucker, Kaffee, Tabakwaren, Bier usw. wurden an die (höheren) deutschen Preise angepasst.

 

Die Leute stellten schnell fest, dass die Preiserhöhungen ihre Lebenshaltungskosten erheblich verteuerten und begannen bald, mit Demonstrationen und Protestschreiben dagegen zu protestieren. Unter anderem wurde in verschiedenen Orten zum "Bierstreik" aufgerufen, und viele Raucher drehten demonstrativ ihre Zigaretten selbst.

(Mehr zu den Protesten weiter unten im Abschnitt "Proteste, Streiks und Demos")

 

 

 

Das Kaufhaus Gebr.Sinn textete in seinen Schaufenstern: "Und wieder können wirs beweisen, noch preiswerter zu DM-Preisen. / Einfach toll, unsere Leistungen zu DM-Preisen. Unsere Lastwagen rollen laufend mit deutscher Ware an./ Hier der Beweis - noch günstiger der DM-Preis" (Fotos: Gerd Schulthess)

                              

 

Zu den Werbezetteln unten: Auch beim ASKO (Allgemeiner Saar-Konsum) wurden die Preise korrekt umgerechnet. Bei manchen Waren erfolgte sogar eine Reduzierung der Preise, wie man anhand der mit den alten und neuen Preisen versehenen Werbezettel leicht nachrechnen kann.

Die farbigen Zettel unten sind aus der Sammlung von Gerd Schulthess.

 

Das Foto links stammt aus einem Film, der beim Landesfest 2007 in der Innenstadt von Saarbrücken gezeigt wurde. Foto rechts: Landesarchiv Saarbr., Julius C. Schmidt.

 

 

In diesem Obst- und Gemüseladen (links) sowie auf dem Markt (rechts) wurde ziemlich genau umgerechnet.

  

Die Zeichen auf der linken Tafel im Bild rechts sind wie folgt zu lesen: ein Pfund 300 Francs oder 250 Pfennige (2,50 DM).

 

       

 

2) Viele Saarländer verfielen in einen ungebremsten Kaufrausch und

gerieten in die Schuldenfalle.

 

Der saarländische Markt wurde nun mit allen möglichen Produkten bundesdeutscher Firmen überschwemmt, pausenlos wurden große Mengen von deutschen Waren mit LKWs ins Saarland gebracht. Die Saarländer griffen gerne zu und kauften, was das Zeug hielt: Radios, Fernseher, Waschmaschinen, Staubsauger, Küchenmaschinen, Kühlschränke, Kleidung, Schuhe und Autos. Sie freuten sich darüber, dass sie jetzt endlich die guten deutschen Qualitätsmarken nicht mehr wie bisher jenseits der (nunmehr gefallenen) Grenze kaufen und entweder verzollen oder schmuggeln mussten, sondern sie gleich daheim im Kaufladen um die Ecke kaufen konnten. Verwandte, Freunde und vor allem Versandhäuser wie Quelle oder Neckermann schickten Unmengen von Paketen mit deutscher Ware - die Post hatte in der ersten Zeit nach dem Tag X  zwanzigmal mehr Pakete auszuliefern als vorher.

 

Von Mitternacht am Tag X an fielen Unmassen von seriösen Kaufleuten, aber auch mit allen Wassern gewaschenen Händlern und skrupellosen Vertretern ins Saarland ein, um dessen Bewohner mit ihren "exklusiven" Angeboten zu überfallen. Mit Werbegeschenken und unlauteren Methoden aller Art versuchten sie nach Manier von Bauernfängern ihre Waren - manchmal waren es die letzten Ladenhüter - zu angeblichen Sonderpreisen an den Mann zu bringen. Man musste den Eindruck bekommen, dass sie die Saarländer regelrecht "melken" wollten.

Zahlreiche Menschen im Saarland konnten den Versuchungen nicht widerstehen und kauften mehr, als sie mit ihrem Geld bezahlen konnten. Ratenkäufe waren plötzlich an der Tagesordnung. Man sagt, dass mehr als ein Viertel der Kunden auf Kredit einkaufte. Und so gerieten zahlreiche saarländische Familien schnell in die Schuldenfalle.

Christian Rumler, heute Tirol, schreibt uns hierzu: "Bei der Einführung der DM in der ehemaligen DDR im Juli 1990 meinte mein Vater: Genauso wars damals, als die Saar angeschlossen wurde: Als erstes kamen die Gauner und Glücksritter und haben die Leute mal richtig abgezockt... War doch so, oder??"

 

 

3) Soziale Vergünstigungen aus der Frankenzeit wurden gekürzt, Abgaben erhöht.

 

Ab 1947 war im Saarland die Organisation des Tarif- und Lohnrechts sowie der Sozialversicherung dem französischen System sehr eng angeglichen worden. Auf Grund dessen hatten hier zwölf Jahre lang bessere Bedingungen für die arbeitende Bevölkerung geherrscht als in der Bundesrepublik. Nach der wirtschaftlichen Angliederung am Tag X wurden aber im Saarland die bundesdeutschen Sozialgesetze angewandt, und die Lohnabzüge und Lohnzulagen wurden - fast ausschließlich zum Nachteil der Arbeitnehmer - dementsprechend angepasst.

 

Die Heimatbundparteien hatten unter der Führung des DPS-Vorsitzenden Dr. Heinrich Schneider zwar während des Wahlkampfs zur Volksabstimmung in Aussicht gestellt, dass nach dem wirtschaftlichen Anschluss an die BRD alle im Saarland bestehenden Sozialleistungen beibehalten würden. Auch in den Rückgliederungsverhandlungen hatten sie dies unter dem Stichwort "Wahrung des sozialen Besitzstandes" vehement eingefordert. Aber sie konnten ihr Wort nicht halten: Die Bundesregierung lehnte alle diesbezüglichen Zugeständnisse ab, unter anderem weil sie befürchtete, dass sich dadurch die Integrierung des neuen Bundeslandes in die Ländergemeinschaft verzögern würde.

 

Dadurch fielen nach der wirtschaftlichen Rückgliederung viele großzügige Vergünstigungen des bisherigen Saarstaats entweder ganz weg oder wurden mehr oder weniger stark gekürzt.

 

Im Einzelnen gab es folgende einschneidende Veränderungen:

 

Das bisherige Familienzulagesystem wurde abgeschafft. Dieses hatte den verheirateten Arbeitnehmern folgende monatliche Zulagen gewährt:

 

Frauenzulage (2000 frs.), Kindergeld schon für das erste (2.300 frs.) und zweite Kind (3.700 Frs). Diese Familienzulagen erhielten auch die Rentenempfänger und Arbeitslosen, und an Weihnachten wurden sie sogar verdoppelt bzw. verdreifacht. Aber nach dem Tag X fielen sie vollständig weg. 

 

Folgende Lohnabzüge wurden angehoben: Der Arbeitnehmeranteil am Krankenversicherungsbeitrag stieg für Arbeiter von 3,5 auf 4,5%; für Angestellte von 2,5 auf 3,1%. Die Beiträge zur Rentenversicherung kletterten von 5,5 auf 7%, und die Arbeitslosenversicherung stieg um 1% an. Die Kirchensteuer stieg von 8 auf 10%.

 

Diese Informationen und die Tabelle stammen aus einem Flugblatt der DFU, herausgegeben Ende 1960 von Richard Kirn, der unter JoHo Arbeitsminister war. Die Richtigkeit der Angaben konnten wir nicht überprüfen.

       

Insgesamt bedeutete die Anpassung der Lohnzulagen und der Lohnabzüge an die bundesdeutschen Lohnbelastungen eine durchschnittliche Verschlechterung für die Arbeitnehmer an der Saar von 10 bis 15 Prozent.

 

Nach den Infos des erwähnten Flugblatts gab es noch weitere Nachteile: Die Dauer der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wurde stark gekürzt. Die Invaliden- und Angestelltenrenten sanken um ca. 30% und wurden nun nicht mehr schon im Alter von 60 Jahren gewährt. Die bisherige Schlechtwetterregelung der Bauwirtschaft (60% des Lohns plus Familienzulagen) wurde ersatzlos gestrichen.

 

H. Dietz berichtet: Mein Vater arbeitete auf der Grube König. Er ist schon vor etwa 23 Jahren verstorben. Ich erinnere mich aber noch gut an einen Ausspruch von ihm: "Vorher riefen sie JoHo! und jetzt oho!" Damit meinte er den Blick in die Lohntüte nach dem Tag X. Meine Eltern hatten 1949/50 ein Haus gebaut. Nach dem Anschluss hatten sie es nicht einfach mit dem Abbezahlen der Schulden. Letztlich ist es ihnen mit viel Mühe gelungen.

  

 

i) Proteste, Streiks und Demonstrationen 

 

So führten also die zahlreichen Preiserhöhungen in Verbindung mit der durch Kreditaufnahmen entstandenen Schuldenbelastung und der Kürzung der sozialen Leistungen dazu, dass es den Saarländern nach dem Tag X finanziell wesentlich schlechter ging als vorher. Nach der Euphorie über den endlich vollzogenen vollständigen Anschluss an die Bundesrepublik folgte für viele eine gewisse Ernüchterung.

 

Für viele Familien war es jedenfalls plötzlich sehr "eng" geworden. Zur Veranschaulichung ihrer finanziellen Schlechterstellung sagten die Saarländer nach dem Tag X zum Beispiel: "Vor der Rückgliederung hatten wir Butter auf der Fensterbank, jetzt gibt es [neu angeschafften deutschen] Kühlschrank nur noch Margarine."

 

Vielerorts protestierten die Saarländer gegen die nicht erwarteten Verschlechterungen. Schon kurz nach dem Tag X hielt z.B. die DPS eine Protestkundgebung mit ihrem Vorsitzenden Dr. Heinrich Schneider in der Wartburg ab ( s. Foto v. Gerd Schulthess).

 

Am 9. Juli 1959 gab es einen landesweiten einstündigen Proteststreik gegen die Erhöhung der Preise. Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB betonte in einer scharfen Stellungnahme, dass sich die empörten Klagen über die Versuche von Dienstleistungsunternehmen und Geschäften häuften, die Frankenpreise einfach mit dem ungerechtfertigten Kurs von 1 : 100 umzustellen, statt die nach der wirtschaftlichen Eingliederung in Kraft getretenen Vergünstigungen an die Verbraucher weiterzugeben.

 

Auch das Präsidium des Landesverbandes des saarländischen Einzelhandels richtete einen Appell zur Preisdisziplin an die Einzelhändler. Die Eisenbahngewerkschaft schaltete sich ebenfalls ein und protestierte gegen die geplante Einführung des bundesdeutschen Sozialrechts im Saarland.

 

Die Studenten demonstrierten in einem Protestmarsch gegen die hohen Fahrpreise. Ministerpräsident Röder bezeichnete diese Aktion als "Staffage ostzonaler Agitatoren" (Deutsche Saar vom 10. Juli 1959, zitiert nach "Von der Stunde 0...", S. 250).  Die folgenden Bilder geben einen Eindruck von der Entrüstung der Demonstranten. Im Bild unten links ist Ministerpräsident Röder zu sehen.   (Fotos: Gerd Schulthess, St. Ingbert.)

 

 

 

Blitzbesuch von Ludwig Erhard

 

Auch der Besuch des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard im Saarland am 13. Juli 1959 brachte keine Änderung. Bundeskanzler Adenauer hatte ihn etwa eine Woche nach dem Tag X zu einem Blitzbesuch in das neue Bundesland geschickt. Er sollte sich ein Bild von den Problemen der Saarländer machen und versuchen, die Gemüter zu beruhigen. Auf einem Gang durch die Straßen von Saarbrücken schaute er sich Marktstände, Läden und ihre Auslagen an. Am Ende seines Besuches ließ er verlauten, dass ihm an den Preisen nichts Besonderes aufgefallen sei. Kein Wunder, entsprachen sie doch etwa denen in der übrigen BRD. Dass sie teilweise viel höher waren als zur Frankenzeit, konnte er nicht erkennen. 

 

Diese drei Fotos (von Walter Barbian) zeigen den Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard bei seinem Besuch im Saarland am 13. Juli 1959; im Bild unten am Saarbrücker Hauptbahnhof.

  

 

Am 4. November 1959 veranstaltete die Gewerkschaft ÖTV eine Protestkundgebung, in der sie einen Lohnausgleich für die durch die Währungsreform bei der wirtschaftlichen Rückgliederung entstandenen Einkommensverluste forderte. Auf einem der dabei durch die Stadt getragenen Transparente war zu lesen:

 

   

 

Im Saarland herrscht soziale Not,

die Bonner nehmen uns das Brot.

 

 

   

Aber alle Proteste konnten nichts an der Situation ändern, und viele Saarländer trauerten nun der Frankenzeit nach, weil es den meisten nach der Währungsumstellung wirtschaftlich ein gutes Stück schlechter ging als vorher.

 

 

j) Folgen der Rückgliederung für die Saarwirtschaft

 

 

Als Konsequenz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und des härter gewordenen Wettbewerbs mussten viele kleinere und mittelständische Firmen im Saarland ihren Betrieb einstellen und Konkurs anmelden. Die großen etablierten bundesdeutschen Firmen hatten den saarländischen Markt dermaßen überschwemmt, dass die Nachfrage nach saarländischen Produkten erheblich nachließ und viele einheimische Betriebe sich nicht gegen die riesige Konkurrenz behaupten konnten.

 

Es gab allerdings auch Übergangshilfen und zinsgünstige Kredite, die einigen Unternehmen dabei halfen, auf dem bundesdeutschen Markt Fuß zu fassen. Andere Firmen hatten schon rechtzeitig vor dem Tag X vorgesorgt und den Schwerpunkt ihrer Geschäftsbeziehungen nach Frankreich verlegt. Zum Beispiel hatte die Firma MEISTERFUNK, die in Saarbrücken Rundfunkgeräte hergestellt und erfolgreich im Saarland (und auch nach Frankreich) verkauft hatte, ihre gesamte Produktionsstätte frühzeitig ins Elsass verlegt und auf Telefonanlagenbau umgestellt. Dies berichtete der Gründer und Inhaber G. Eisvogel, der heute noch in Saarbrücken lebt (siehe auch Seite Radiogeräte).

  

In den ersten Jahren nach dem Tag X blieb der Warenaustausch zwischen dem Saarland und Frankreich aufgrund der Festlegungen im Saarvertrag (siehe 1. Abschnitt auf dieser Seite) auf einem bemerkenswert hohen Niveau. Zudem erfuhr die Bauindustrie eine unerwartete Hochkonjunktur, die auch dem saarländischen Handwerk zugute kam.

 

 

FAZIT 1

 

Als Fazit über die Folgen der wirtschaftlichen Rückgliederung soll hier die Aussage eines Saarländers zitiert werden, welche die Saarbrücker Allgemeine Zeitung am 6. Juli 1960 abdruckte, also ein Jahr nach dem Tag X:

 

"So gut, wie man es uns in Bonn prophezeit hatte, geht es uns nicht - aber auch nicht so schlecht, wie einige Miesmacher behaupten."

 

   

FAZIT 2

 

Die Saarfrage war nun zwischen Deutschland und Frankreich geklärt worden - zwar in harten Verhandlungen, aber doch insgesamt in gutem Einvernehmen und gegenseitigem Verständnis. Daraus könnte man schließen, dass das Saarland doch noch die Funktion einer Brücke zwischen den beiden Ländern übernommen hatte. Und so wäre die Aufgabe, die die alte Saar-Regierung der Brücke im jetzt ungültig gewordenen Saar-Wappen*) zugedacht hatte, erfüllt worden... wenn auch auf eine etwas andere Art und Weise als ursprünglich beabsichtigt.

 

*) Siehe Seite Name, Wappen,...

 


 

 

Zusatz zum Großtransport der DM ins Saarland Anfang Jukli 1959

 

Grenzschützer aus Duderstadt bringen D-Mark ins Saarland  

 

Der Großtransport der D-Mark lief unter dem Tarnnamen "Mairegen" und wurde vom Bundesgrenzschutz bewacht. Dieser hatte auf dem Saarbrücker Messegelände mit 500 Mann Quartier bezogen.

 

An ein historisches Ereignis vor 50 Jahren erinnern sich ehemalige Beamte des Bundesgrenzschutzes in Duderstadt. Bei der „Aktion Mairegen“, dem Geldtransport zur Währungsumstellung im Saarland, waren sie eingesetzt. Heinz Hobrecht sprach mit den Zeitzeugen.

 

Eduard Monzen, Manfred Kühn und Gerhard Schröer erinnern sich noch sehr genau an die Zeit vor 50 Jahren. Mit weiteren Beamten der Bundesgrenzschutzabteilung Duderstadt, damals noch der Abteilung Clausthal-Zellerfeld unterstellt, waren sie in der Zeit vom 5. bis 13. Juli 1959 beim Geldtransport aus Anlass der wirtschaftlichen Eingliederung des Saarlandes an die Bundesrepublik Deutschland eingesetzt. Auch Sigismund Jantz und Alfons Panske sind dabei gewesen und haben dieses Stück europäischer Geschichte hautnah miterlebt. 

 

Der Bundesgrenzschutz, so schildern die Beamten im Ruhestand, hat damals mit 64 Lastwagen 578 Millionen Mark in das Saarland transportiert. Die Geldtransporte wurden von Hubschraubern, Bereitschaftspolizei und BGS-Beamten gesichert. Aus der Abteilung GSA II/4 Clausthal-Zellerfeld waren insgesamt zirka 20 Beamte dabei, fünf aus der 7. Hundertschaft in Duderstadt.

 

Ebenso wie in vielen anderen BGS-Abteilungen sei damals im Standort Duderstadt vorab nur von einer „Sternfahrt“ die Rede gewesen, berichten Monzen, Kühn und Schröer. „Keiner von uns wusste, was auf uns zukommen würde.“ 

 

Unter Führung des Leutnants Günter Czerwinski wurden die Kräfte mit fünf Lastkraftwagen des Typs Magirus sowie einem Rover in Marsch gesetzt. Gegen 14 Uhr trafen sie im hessischen Alsfeld ein. Auf der Straße Alsfeld-Grünberg, unweit der Bundesautobahnauffahrt Alsfeld-Pfefferhöhe, trafen sich alle Einsatzkräfte des Grenzschutzkommandos Mitte mit insgesamt 24 Magirus-Lastwagen. Die Worte des Kommandeurs des Grenzschutzkommandos Mitte bei der Begrüßung klingen Monzen, Kühn und Schröer noch sinngemäß in den Ohren: „Ihr seid die auserwählten Kräfte der Abteilung. Ihr seid die Garanten dieser Sternfahrt, die in die Geschichte des BGS eingehen wird.“ Erst hier, so die Beamten, sei der wahre Grund für den Einsatz Geldtransport ins Saarland bekannt gegeben worden.

 

Auftrag und Marschziel für die Beamten in den Lastwagen 7a, 7b und 7c war Kaiserslautern. Gegen 22 Uhr trafen sie dort ein – auf einem Festplatz nahe der Landeszentralbank. Ab 2 Uhr am Morgen des 6. Juli, so berichten die Ruheständler, hat das Beladen der Fahrzeuge unter strenger Bewachung begonnen. Neben dem Fahrer und dem Beifahrer mit Maschinenpistole seien jeweils drei Beamte mit Gewehren dabei gewesen. Zusätzlich drei Bankbeamte für die Verteilung des Geldes.

 

Erstes Ziel des Transportes, der unter starker Bewachung von Bereitschaftspolizei des Landes Rheinland-Pfalz und Hubschraubern erfolgte, war Saarbrücken. Nach der Ankunft wurden die einzelnen Banken und Sparkassen unter Polizeieskorte mit Geld beliefert. Oberwachtmeister Monzen war für zwei Banken und Sparkassen in Ensdorf und für drei weitere in Schwalbach, Elm und Köllerbach zuständig, wie er sich erinnert. Zur Aufgabe der Beamten gehörten auch das Abholen der saarländischen Francs von den Geldinstituten und der Transport zur Landeszentralbank nach St. Ingbert. „Beim Rücktransport der umgetauschten Francs hatten wir Milliarden auf dem Kraftfahrzeug“, so die Beamten.  

(Wiedergabe des Zeitungsartikels und des Fotos mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Tageblatts. Den Artikel hat Friedrich Fess entdeckt; Erinnerungen an seine Kindheit können Sie hier lesen.) - Zu dem Bild oben: Gerhard Schröer, Eduard Monzen und Manfred Kühn im Jahr 2009 mit einer Karte aus 1959. Damals waren sie alle etwa 25 Jahre alt. (Foto: Göttinger Tageblatt)

 


 

Zum Abschluss noch eine Geschichte von Gerhard Bungert über die neue Einstellung der Saarländer zum Einkaufen nach dem Tag X:

 

 

 

Die Kurzgeschichte „Peperoni und der Tag X“ ist zum ersten Mal erschienen in dem Buch „Hauptsach es schmeckt – im Saarland, Essen, Trinken und Feiern, herausgegeben von Gerhard Bungert und Charly Lehnert, mit Zeichnungen von Werner Neumann. Saarbrücken 1987.

 

 

Näheres über Gerhard Bungert können Sie auf der Seite Über uns nachlesen.

 

 

Die Wiedergabe der Geschichte erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 


 

Fotonachweis: Alle Fotos auf dieser Seite ohne eigene Quellenangabe sind aus dem Stadtarchiv Homburg.

 

Literaturangaben:

 

125 Jahre Währungsgeschichte an der Saar 1859 - 1984. Landeszentralbank im Saarland, 1984

100 Jahre Saar-Bank 1896 - 1996, Chronik. Saarbrücken 1996.

60 Jahre St. Wendeler Volksbank, Jubiläumsjahr 1988.

Von der `Stunde 0´ zum `Tag X´. Das Saarland 1945-1959. Saarbrücken 1990.

Das Saarland. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Landeszentrale für politische Bildung, 2. Aufl. 1991.

Saarbrücker Zeitung vom 5.7.59 und vom 7.7.59, Westpfälzische Rundschau v. 4.7.59 sowie andere Tageszeitungen aus dieser Zeit.

 

http://www.verfassungen.de/de/saar/vertrag56.htm (Wortlaut des Luxemburger Vertrages zur Regelung der Saarfrage vom 27. Oktober 1956)

 

 


Diese Seite wurde erstellt am 25.06.2009 und zuletzt bearbeitet am 4.3.2015

 

 

 

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